Zeit des Zorns
Handlung
Auf die Jagd geht Ali immer allein. Auf der Pirsch im Wald legt er an, zielt – kein Schuss. Gewalt erfährt der in Teheran lebende Ex-Sträfling genug. Unsichtbar versteckt sie sich in den unerbittlichen Machtstrukturen, ist immer spürbar in den gesellschaftlichen Zwängen des repressiven Staatssystems. Um seine junge Frau Sara und seine Tochter Saba durchzubringen, arbeitet Ali als Sicherheitskraft im Nachtdienst. Eines Tages ist die Wohnung leer.
Alis Frau und seine kleine Tochter werden nicht zurückkehren. Auf der Polizeistation erfährt er, dass sie in einem Schusswechsel zwischen Systemgegnern und der Polizei getötet wurden. Wieder geht Ali auf die Jagd, auf Menschenjagd. Im Wald stellen ihn zwei junge Polizisten. Doch die Rollen sind nicht so klar verteilt, wie es scheint. Der Jäger wird zum Gejagten, seine Verfolger zu Gefangenen.
Meinung
Das Herz ist ein einsamer Jäger. Jeder trägt dieses Herz in „Shekarchi“ in sich. Alle sind Verfolger in dem erschütternden Drama des iranischen Regisseurs und Hauptdarstellers Rafi Pitts und jeder ist ein Verfolgter. Die graue Betonwüste der iranischen Hauptstadt ist das städtische Spiegelbild zu der Einsamkeit der umliegenden Wälder. Ein Asphaltlabyrinth, welches den Menschen ihre Freiheit nimmt, ohne Schutz zu bieten. Kein Versteck existiert in der kalten Steinlandschaft, durch die Ali wie ein rastloses Tier streift. Teheran – Tote Stadt. Wie Ameisen bewegen sich die Menschen in den Straßen, Frauen in dunklen Gewändern, Männern in gedeckter Kleidung. Einzig die Kinder bringen Farbe in die Tristesse. Als er nach dem Verschwinden seiner Familie durch die Stadt zieht, erinnern andere kleine Mädchen Ali wie Gespenster an das verlorene Kind. Rafi Pitts Darstellung eines plötzlich Haltlosen ist die intensivste im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb gewesen. Nur eine Handvoll Sätze spuckt sein Hauptcharakter aus. Dennoch bleibt sein sinnloser Gewaltausbruch erschreckend nachvollziehbar. „Shekarchi“ erklärt nicht, er spricht mit Bildern von suggestiver Eindringlichkeit. Die äußeren Lebensumstände der Figuren sind eine Allegorie sozialer und politischer Unterdrückung.
„Sie sehen einander nicht viel.“, kommentiert ein Polizeibeamter Alis berufsbedingte Familienverhältnisse, bevor er die Todesnachricht überbringt. Die Worte sind Vorwurf und kaltherzige Beschwichtigung, als sei Alis Trauer überflüssig und seine Abwesenheit Schuld am Tod der Familie. Nie lächelt Ali, doch zusammen mit seiner Familie strahlt der kälteste der emotional verhärteten Charaktere, die den diesjährige Wettbewerb prägen, menschliche Wärme aus. Für Sara lädt er an einer Rummelplatz-Bude das Gewehr nach. Noch ist das Schießen Spaß. Wie ein wildes Tier lauert die Gewalt unter der Oberfläche bis eine zufällige Tragödie sie hervorbrechen lässt. Der darauf folgende Amoklauf ist kalkuliert und präzise. „Shekarchi“ zeigt die Tat mit kühler Sachlichkeit, authentisch und bedrückend.
„Zeit des Zorns“ ist der vorgesehene deutsche Verleihtitel des Dramas. Gleich dem düsteren Himmel schwebt die Drohung von Gewalt über der Stadt. Die Aggression wurzelt in sozialen und staatlichen Autoritätsstrukturen. Das Individuum schrumpft zur Bedeutungslosigkeit als Teil eines repressiven Systems. Zu Beginn hört Ali aus dem Autoradio die Stimme Ajatollah Chameneis: „Ihr Habt keine Wahl. Ihr müsst euch ändern.“ Statt eines positiven Wandels kündigt die Ansage neue Zwänge an, welche das bestehende Machtgefüge zementieren. „Ich habe keine Wahl. “, sagt einer der Polizisten zu Ali. Im Rahmen seiner Wehrpflicht muss er die Uniform tragen. Die Uniform macht ihn zum Jäger, einem Wolf, wie ihn Alis Tochter in einem Kindertrickfilm zwei Schafen auflauern sieht. Die Schafe versinnbildlichen ihre Mutter und sie: zufällige Opfer, unter die Wölfe gefallen. Homo homini lupus.
„Shekarchi - Zeit des Zorns“ setzt die persönliche Tragödie in den Kontext eines übermächtigen sozialpolitischen Systems. Zu Beginn halten soziale Zwänge Ali von seiner Familie fern. Nur leise angedeutet wird die Armut der Protagonisten, umso eindringlicher fühlbar. In der Auslage eines Spielzeugladens betrachtet Ali große Stoffbären. Später isst er in einem Billigimbiss, neben sich ein kleines Stofftier für seine Tochter. Zu dem Bären ist „Shekarchi“ leider nicht kommen, obwohl Rafi Pitts Werk vom auf der Berlinale immer relevanten politischem Zeitbezug bis zur dramatischen Intensität alle Charakteristika eines Siegerfilms besitzt. Die verdiente Aufmerksamkeit hätten wir dem kargen Drama gewünscht - bevor die Oscars Musicals und Blockbuster belohnen.
Jäger und Gejagte.
Ali: Rafi Pitts
Sara: Mitra Hajjar
Saba: Saba Yaghoobi
Polizist: Ali Nicksaulat
Regie: Rafi Pitts | Iran, Deutschland, 2010
Länge: 92 min | FSK: ab 16 | Buch: Rafi Pitts | Kamera: Mohammad Davudi | Szenenbild: Malak Khazai | Schnitt: Hassan Hassandoost | Produktion: Thanassis Karathanos, Mohammad Raza Takhtkeshian

