Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris


Handlung

„Gott schaute weg. Immer wieder.“ Das schmerzvolle Fazit steht an Beginn und Ende von Jan Schmitts erschütterndem Filmdebüt „Wenn einer von uns stirbt, geh' ich nach Paris.“ Es sind die Worte Schmitts Mutter Mechthild. Fast verspielt klingt ihr Titelsatz. Doch aus der Kindheit blieb ihr vor allem Leid. 1996 nahm sich Mechthild Schmitt mit einer Tablettenüberdosis das Leben. Ihr Selbstmord lässt den Fernsehjournalisten Schmitt und die verbliebenen Angehörigen nicht mehr los. Dreizehn Jahre nach dem Freitod geht Jan Schmitt den Weg zurück, welcher seine Mutter in den Tod führte. „Wenn einer von uns stirbt, geh' ich nach Paris“ berichtet von einem verleugneten Familiengeheimnis, von der Macht der Kirche und der Gewalt des Schweigens.

Meinung

Es ist die Chronik eines angekündigten Todes. Zuerst will es niemand wahrhaben. Das Verleugnen und Augen verschließen scheinen die Eltern an die heute erwachsenen Geschwister Mechthilds weitergegeben zu haben. Es lässt sich nur vermuten, wie viele Gespräche es brauchte, um zu den von der Kamera festgehaltenen Berichten vorzudringen. In seinem Filmdebüt „Wenn einer von uns stirbt, geh' ich nach Paris“ befragt Regisseur und Fernsehjournalist Schmitt Freundinnen, die Schwestern und Kolleginnen seiner verstorbenen Mutter. Zuerst scheint ihn der Wunsch zu leiten, den Selbstmord nachzuvollziehen und somit endlich mit ihm abschließen zu können. Es fallen die fast stereotyp klingenden Sätze, Mechthild habe mitten im Leben gestanden, niemand habe etwas geahnt, es sei für alle ein Schock gewesen. Fotos zeigen ein verschlossenes Mädchen. Widerspenstig, auffällig, milieugeschädigt. Milieuschaden. Ein hässliches, ein unangenehmes Wort. Als wäre alles um einen herum falsch. Doch in der Biografie Mechthild Schmitts, welche ihr Sohn in seinem Debut ergründet, ist es der entscheidender Hinweis. In der Familie lag die Ursache für Mechthilds tiefe Verzweiflung, welche schließlich zu ihrem Selbstmord führte.

In alten Amtsberichten und Gutachten gelangt er an die Grenzen eines menschlichen Abgrundes. Ein dunkles Familiengeheimnis. Kein spannendes, Spannung ist das falsche Wort. Es ist dieses traurig häufige Geheimnis: Schmitts Mutter erlebte es in besonders grausamer Form. Jahrelang wurde sie als Kind von einem Pater missbraucht, mit dem ihre verheiratete Mutter eine Affäre hatte. Danach musste sie mit ihm Gott um Verzeihung bitten. Das Schuldgefühl ist übermächtig. Es frisst ihr ganzes Leben an ihr. Beide Elternteile wissen um den sexuellen Missbrauch. In Tonbandaufzeichnungen psychiatrischer Gespräche hört man die Stimme der Toten. Quälende Momente, welche die Interviewten ebenso wie den Zuschauer nicht loslassen. Unerträgliches bringt der Dokumentarfilm ans Licht. Ebenso verstörend wie die Taten ist das Schweigen von Familie und Kirche, welche das Unrecht ermöglichten. Der extremen Nähe setzt Schmitt Distanz in Gestalt vorgelesener Tagebuchauszüge und nachgespielter Szenen entgegen. Filmisches Anliegen ist nicht allein die Aufdeckung der jahrzehntelang vertuschten Verbrechen. „Wenn einer von uns stirbt, geh' ich nach Paris“ porträtiert Mechthild als diejenige, welche erstmals vermochte, das Schweigen zu beenden. „Wenn einer von uns stirbt, geh' ich nach Paris" prangert dieses von Kirche und Gesellschaft fortgeführte Schweigen über sexuelle Gewalt an.

“Kein Mensch kann dir das geben, was dein Herz sich wünscht. Kein Mensch kann dich so erkennen, wie du wirklich bist,” erkennt eine Schwester. Nur Gott könne dies. Diese Flucht in den (Aber)glauben ist besonders niederschmetternd, da der Missbrauch von einem Vertreter der Kirch zugefügt wurde. Gott, der wegsah, ebenso wie Eltern, Gemeinde, Kirche. Ein Satz hallt besonders lange nach: “Es gab keine Aggressionen.” Die Aggressionen des Opfers gegen sich selbst zählen nicht. “Sollte ich noch einmal missbraucht werden, töte ich”, schrieb sie in ihr Tagebuch. Die Getötete war sie.

Alles über meine Mutter.

von Lida Bach



Sprecher: August Diehl
Sprecherin: Suzanne von Borsody

Gesang: Meret Becker

Regie: Jan Schmitt | Deutschland, 2009

Länge: 81 min | FSK: ab 12 | Buch: Jan Schmitt | Kamera: Axel Gerke | Schnitt: Ania Herre | Musik: Guido Solarek | Produktion: Jan Schmitt, Ania Harre