Welcome
Handlung
32 Kilometer trennen Bilal von seinem Ziel. 32 Kilometer, die eine Welt ausmachen. Die Distanz ist die des Ärmelkanals, welcher zwischen dem 17-jährigen kurdischen Flüchtling und seiner in England lebenden Freundin Mina liegen. Nach einem gescheiterten illegalen Einreiseversuch sieht Bilal seiner Abschiebung aus dem Grenzort Calais entgegen. In seiner Verzweiflung fasst er den Entschluss, den Kanal zu durch-schwimmen. Dafür nimmt er Unterricht bei dem ehemaligen Schwimmmeister Simon. Als Simon begreift, warum Bilal trainiert, reagiert er zuerst ablehnend. Doch um seine gerade von ihm geschiedene Frau Marion, eine Sozialarbeiterin, mit seinem Engagement zu beeindrucken, unterstützt er ihn. Eine Mischung aus Freundschaft und Vater-Sohn-Beziehung entsteht zwischen den beiden, die jeder auf seine Weise von einem geliebten Menschen getrennt sind. Mit Bilals Schwimmfähigkeiten wächst Simons Selbstwertgefühl. Als ein Missverständnis zum Zerwürfnis zwischen beiden führt, will Bilal seinen Plan in die Tat umsetzen. Doch das Willkommen für den Flüchtling vor England ist kalt wie das Wasser des Ärmelkanals.
Meinung
Das Wort „Welcome“ taucht in Philippe Liorets nüchternem Drama nur als Aufdruck einer Fußmatte auf. Die Tür dahinter wird in der entsprechenden Szenen zugeschlagen. Das Grußwort ist zur abgenutzten Floskel geworden, sinnbildlich mit Füßen getreten. Mehr Raum als der Sozialproblematik gibt „Welcome“ seinen Protagonisten. Besonders Hauptdarsteller Vincent Lindon gelingt das einfühlsame Porträt des vom Leben enttäuschten einstigen Meisterschwimmers. „Ich konnte ihn nicht aufhalten“, sagt Simon gegenüber Bilals Freundin und betrügt mit seinen Worten die Trauernde und sich selbst. Unterschwellig hat Simon Bilal ermutigt, indem er ihm das Gefühl gab, er könne es schaffen. Indirekt knüpft sein Verhalten an den missbräuchlichen Umgang der Allgemeinheit mit den Flüchtlingen an. Dass Bilal sich in Lebensgefahr begibt, nimmt Simon in Kauf, in der Hoffnung, seine Frau zurückzugewinnen. Vor dieser düsteren Seite der Vater-Sohn-Beziehung weicht „Welcome“ jedoch zurück. Gerade die scheinbare Ausweglosigkeit von Bilals Unterfangen weckt Simons Engagement. Wenn der Jugendliche es schafft, den Kanal zu durchschwimmen, könnte auch er sein Leben wieder einrenken, scheint Simon zu glauben.
Umso bitterer ist das Ende von „Welcome“. Konsequent und frei von Sentimentalität inszeniert Lioret eine doppelte Tragödie: Zwei Leben werden zerstört, eines davon für immer.
Der Preis für die Hoffnung ist hoch. Trotz seiner spürbaren Länge und einer zunehmenden Abwendung vom politischen Kontext gelingt es „Welcome“ dank seiner überzeugenden Darsteller und aktuellen Thematik zu bewegen – intensiver, als es die Geschichte allein könnte. Fast dokumentarisch mutet „Welcome“ in seiner Bildsprache an. Dabei scheut Lioret die gesellschafftliche Provokation nicht. Er zeigt die am Ufer von Calais wartenden Flüchtlingsschlangen, die drastische Diskriminierung von Einwanderern und die Strafverfolgung, unter welcher alle, die den Illegalen helfen, sei es nur mit Essensausgabe und Unterkunft, leiden müssen. Unangenehme Bilder, welche die französische Öffentlichkeit bewegten. Dabei inszeniert Lioret seine Geschichte nüchtern und sachlich. Bilals Unterfangen verklärt nicht die Aura der Großartigkeit. Es bleibt eine Verzweiflungstat, eine wahnwitzige Idee, an die der Jugendliche sich klammert, um irgendeine Hoffnung zu haben. Fast niemand trauert Bilal nach. Ein illegaler Einwanderer weniger, einer von vielen. Willkommen war er ohnehin nicht. Vielleicht ist es nicht trotz, sondern gerade wegen dieser dramaturgischen Zurückhaltung, dass „Welcome“ zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion wurde. Der überraschende Erfolg des Dramas sowie eine Auseinandersetzung mit dem französischen Einwanderungsminister Eric Besson führten zu einer politischen Debatte um die rechtsstaatliche Kriminalisierung der Flüchtlingshilfe. Anlässlich einer Initiative zur Änderung des Paragraphen wurde das Drama im französischen Parlament vorgeführt. Ein Begriff für die angestrebte Neuregelung ist schon vorgesehen: „Welcome“.
Bitteres Willkommen.
Bilal: Firat Ayverdi
Mina: Derya Ayverdi
Simon: Vincent Lindon
Marion: Audrey Dana
Regie: Philippe Lioret | Frankreich, 2009
Länge: 116 min | FSK: ab 12 | Buch: Philippe Lioret, Emanuel Courcol, Olivier Adam | Kamera: Laurent Daillard | Szenenbild: Yves Brover | Musik: Nicola Piovani, Wojciech Kilar, Armand Amar | Schnitt: Andrea Sedlackova | Produktion: Christophe Rosignon

