Wall Street: Geld schläft nicht


Handlung

Geld gehabt und verloren zu haben, kann schlimmer sein, als nie welches besessen zu haben. Vielleicht erinnert sich Gordon Gekko an die Worte, die er einst an der „Wall Street“ hörte, als er nach einer achtjährigen Haftstrafe wegen Insiderhandels aus dem Gefängnis kommt. Niemand wartet auf ihn. Auch nicht Tochter Winnie, die den Kontakt abgebrochen hat. Doch Geschäfte liegen Gekko im Blut. Wenige Jahre später hält er lukrative Vorträge zu seinem Buch „Ist Gier gut?“. Hier begegnet ihm der junge Finanzprofi Jake Moore, der mit Winnie liiert ist. Moore will sich an dem skrupellosen Geschäftsmann Bretton James rächen, der seinen Mentor Louis Zabel in Ruin und Selbstmord getrieben hat. Gekko erkennt seine Chance, sich mit Winnie zu versöhnen und sich bei James zu revanchieren, der ihn einst ins Gefängnis brachte. Er schlägt Moore einen Deal vor, den der nicht ablehnen kann – und Moores Idealismus bröckeln lässt.

Meinung

Im Gefängnis habe er gelernt, dass es etwas Wertvolleres gebe als Geld, sagt Gekko: Zeit. Familie statt Finanzen? Das klingt nach dem Gegenteil des zynischen Finanzgenies aus „Wall Street“. Doch soweit vom Original entfernt, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat, ist „Wall Street II“ keineswegs. Nicht Gordon Gekko hat sich geändert, sondern seine Prioritäten. Zeit ist Geld. Für alle läuft sie ab, außer für die, welche sie im Überfluss haben in Form junger Nachfolger, ob blutsverwandt wie Winnie oder geistesverwandt wie Moore. Die zukünftigen Gewinner sind die Grauen Herren. Der Mann im grauen Anzug, wie der konservative Besserverdiener mit (zukünftiger) Familie in den USA der Fünfziger hieß, der Typ, der in Hitchcock-Filmen zwangsläufig in gefährliche Komplotte gerät. Seinesgleichen kann warten, bis die Aktien zu seinen Gunsten stehen. „Bears make money. Bulls make money. Pigs? Get slaughtered.“, philosophiert Gekko in einer von Stones zahlreichen maliziösen Dialogverweisen auf den ersten „Wall Street“. Du musst kein Schwein sein in dieser hässlichen neuen Welt. Wirtschaftswunderland ist abgebrannt. Nur wer weiß, auf welche großen und kleinen Tiere er sich verlassen kann, fährt weiter auf dem Finanzkarussell mit.

Dollarkurse mögen Achterbahn fahren, doch Humankapital ist eine Ressource noch sicherer als die Goldreserven in Fort Knox. „Es geht nicht um Geld. Es geht um das Spiel.“, weiß Gekko. Und darin sind heute alle Global Player. Asien und Europa sitzen mit am Tisch und irgendwann Gekko an ihrem. Wer nicht wie er und Moore die internationalen Etikette beherrscht, ist chancenlos. US-Chauvinismus hat ausgedient. Die Wirtschaft brach in sich zusammen wie die Türme des World Trade Centers, die sie inkorporierten. Die Asche hat die Spekulation, „die Mutter allen Übels“ wie Stone sie in „Wall Street II“ tauft, in alle Winde verstreut. In Gestalt von Börsenkursen, Zahlenkolonnen und Kurzmeldungen windet sie sich um die Spiegelfassaden Manhattans, eine endlose Würgeschlange, welche die Börse im Griff hält. „Wir könnten genau jetzt in einer Blase sein.“, sagte Oliver Stone auf der Pressekonferenz zu „Wall Street II“. Niemand wisse, wann sie zerplatzt. Die letzte große Seifenblase, an die das Massenpublikum glaubt, das Ideal von Heim und Familie, lässt Stone nicht platzen. Nicht einmal für Gekko. „Win“ nennt er seine Tochter Winnie einmal. Und den besonderen Gewinn kriegt er. Auf dem Brett steht immer noch Monopoly. In „Wall Street“ machte Gekko darauf zuletzt genau den falschen Zug. Gehe nicht über Los, du gehst direkt ins Gefängnis. Auch hier gilt Gekkos „It´s easy to get in. It´s hard to get out.“ Letztes gelingt ihm in „Wall Street II“. Nur das familiäre Gefängnis ist unentrinnbar. Die einzige Blase, die niemals platzt.

Das Geld der anderen Leute.

von Lida Bach



Gordon Gekko: Michael Douglas
Winnie Gekko: Carey Mulligan
Jacob Moore: Shia LaBeouf

Bretton James: Josh Brolin
Louis Zabel: Frank Langella
Jakes Mutter: Susan Sarandon

Regie: Oliver Stone | USA, 2010

Länge: 136 min | FSK: ab 12 | Buch:Allan Loeb, Stephen Schiff | Kamera: Rodrigo Prieto | Musik: Budd Carr | Schnitt: David Brenner, Julie Monroe | Produktion: Edward R. Pressman, Eric Kopelhoff