Waffenstillstand


Handlung

Das Töten endet nicht. Nach dem offiziellen Kriegsende im Irak ist das Land zerrissen von Gewalt und Elend. Die Opfer der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen aufständischen Irakern und Besatzungsmächten sind meist Zivilisten. Der ehrgeizige deutsche Reporter Oliver sieht in einem eintägigen Waffenstillstand in der Rebellenhochburg Falludscha seine Chance auf den großen Durchbruch als Reporter. Er überredet seinen skeptischen Kameramann Ralf, sich der holländischen Ärztin Kim und ihrem französischen Kollegen Alain anzu- schließen. Während Alain und Kim Hilfsgüter nach Falludscha bringen wollen, ist Oliver vor allem hinter prestigeträchtigen Aufnahmen her. Doch vor dem Leid der Bevölkerung kann er die Augen nicht dauerhaft verschließen. Als sie Falludscha näher kommen, wird die Reise für die Beteiligten lebensgefährlich. Oliver ist dem Krieg plötzlich näher, als er es beabsichtigte, und muss sich entscheiden zwischen Humanität und Ehrgeiz.

Meinung

Zu Beginn von „Waffenstillstand“ fällt besagte Entscheidung eindeutig zugunsten der Karriere aus. „Seit Wochen höre ich von dir nur: geht nicht, ist zu weit, gibt’s nicht.“, quengelt Oliver seinem Kameramann Ralf vor, als ginge es bei der Fahrt in die Rebellenhochburg um einen Schulausflug. Mit ähnlichen Methoden wie sein Hauptcharakter hat vermutlich auch Regisseur Lancelot von Naso die Produzenten zur Finanzierung seines Debütfilms „Waffenstillstand“ überredet: „Alle hatten schon Irak-Kriegsfilme, nur wir nicht!“ Besonders effektiv war die Methode, mit der man Mama immer zum Rummmelplatzbesuch breitschlug, bei den Geldgebern allerdings nicht. Fast die Hälfte des Kriegsdramas spielt in einem alten Kleinbus, dessen Fenster verschottet sind. Ein paar Außenaufnahmen aus dem Archiv und ein irakischer Fahrer sollen glaubhaft vermitteln, dass die Reise tatsächlich durch die irakische Wüste und nicht durch eine Sandhalde in Brandenburg geht. Eine klaustrophobische Atmosphäre zu erschaffen, in welcher unterschiedliche politische Ansichten und persönliche Motivation der Protagonisten aufeinander prallen, gelingt „Waffenstillstand“ nicht. Der erste Teil des Dramas erinnert an eine uninspirierte Neuauflage von „Stagecoach“ mit Irakern anstelle der Indianer. Statt Charaktere verkörpert das Ensemble ein Quartett von Typen, deren Reaktionen so vorhersehbar sind wie die Handlung. Durch seine unüberlegten Worte erscheint Oliver nicht wagemutig, sondern als skrupelloser Sensationstourist. Sein ahnungsloses Verhalten in der Gefahrenzone steht zwar im Widerspruch zu seinen journalistischen Einsätzen in internationalen Krisengebieten, welche er später aufzählt, passt aber zu dem der übrigen Charaktere.

Zwei seit Jahren im Irak stationierte Ärzte und ein erfahrener Kameramann benehmen sich in „Waffenstillstand“ wie eine Gruppe Pauschaltouristen. Man könne ja zu Fuß weitergehen, schlägt Kim in einer Szene vor. Dass Oliver kurz zuvor am Bein angeschossen wurde, ignoriert sie – genau wie der Regisseur, der seinen Hauptcharakter wenig später herumlaufen lässt, als wäre die Schusswunde ein Tritt vors Schienbein gewesen. Fast erwartet man, dass die Reisenden Handtücher auspacken, um sich den schönsten Sonnenplatz in der Wüste zu reservieren. Die Iraker inszeniert das fragwürdige Kriegsdrama meist als gesichtslos und austauschbar. Entweder blicken sie furchtsam oder agieren als aufgebrachte Menge. Tragisch ist nur der Tod westlicher Protagonisten. „Das Einzige, was 'ne große Nachricht wäre, ist, wenn sie uns zwei den Kopf wegpusten.“, lässt der Regisseur Ralf in verräterischer Selbsterkenntnis sagen. Das amerikanische Militär wird von Mustersoldaten vertreten, für die Folter und Zivilterror vermutlich Fremdworte sind. „Ich fühle mich sicherer, wenn die Amis da sind.“, äußert ein Charakter. Dass die Gruppe ihr Leben für eine Hilfsgüterlieferung riskiert, lässt die Besatzungsmächte umso makelloser erscheinen. Auch Oliver ist nicht der eiskalte Sensationsreporter, der er scheint: „Ich finde es wichtig, dass die Leute erfahren, was hier wirklich los ist.“ Von Naso hat daran wenig Interesse. „Hier war die Wiege der Zivilisation. Kurz darauf ließ Saddam den Gesundheitsminister zerstückeln.“, fasst Alain die Landeshistorie zusammen. Näher wird die politische Lage des Iraks nicht erläutert. Angesichts des brisanten Themas verärgert die Oberflächlichkeit des Kriegsfilms besonders. „If we don't believe in it, who will?“, fragt ein Nebencharakter in „Waffenstillstand“. Die Zuschauer jedenfalls nicht.

Höllenfahrt nach Falludscha.

von Lida Bach



Oliver: Matthias Habich
Ralf: Hannes Jaenicke
Kim: Thekla Reuten

Husam: Husam Chadat
Eric: Peter Gantzler

Regie: Lancelot von Naso | Deutschland, Schweiz, 2009

Länge: 95 min | FSK: ab 16 | Buch: Lancelot von Naso, Kai Uwe Hasenheit, Collin McMahon | Szenenbild: Felix Cramer | Musik: Oliver Thiede, Jonas Bühler | Schnitt: Vincent Assam, Kilian von Keyserlingk, Lancelot von Naso | Produktion: Florian Deyle, Martin Richter, Dario Suter


Es wäre eindeutig sinniger +

Es wäre eindeutig sinniger + aktueller + passender + mutiger gewesen einen deutschen Film über deutsche Soldaten in Afghanistan und nicht über amerik. Soldaten im Irak zu machen. Grundsätzlich hätte man „echte Soldaten“ in den Dreh integrieren sollen oder zumindest angesichts militärischer Fragen konsultieren müssen. Sat sich denn keiner Gedanken gemacht? Ich fang mal an, nur kurz, nur ein paar Beispiele, damit klar ist wovon ich rede: Kein Mensch kommt zweimal lebendig und ohne schwere Verletzungen aus einem Taliban-Hinterhalt und das mit einem alten, ungepanzerten Bus, wie lächerlich, sorry! Hero Hannes (in einer Szene wird Ralph sogar so genannt, also "Hannes", nicht Hero - obwohl Ralph natürlich der Hero war, als er dem bösen Taliban ganz selbstlos eins mitgeben hat... aber dann wenigstens starb - dies verschafft dem Film ein ganz kleines bisschen Minimum an Glaubwürdigkeit...). Und auch die amerik. Soldaten - hättet ihr die nicht mal konsultieren können? Stichwort Beschuss - Soldat schießt in eine Sandlinie, na prima, aufwirbelnder Sand (sollte wohl dramatisch aussehen)!?! Warum musste auf einer geterrten Straße plötzlich so offensichtlich dieser nur Zentimeter breite Sandstreifen sein, wäre das nicht weniger offensichtlich gegangen, ward ihr zu faul mehr Sand auszukippen oder war das dann doch zu teuer? Und wolltet ihr mit den hochgekrempelten Uniformärmeln amerik. easy going simulieren?! Jesus! Sie würden sich NIE die Ärmel hochkrempeln und des weiteren wäre übrigens auch die Einfahrt nach Falludscha sicher nicht toleriert worden. Und - hallo??? - wenn in Falludscha nachts Ausgangssperre ist kann man nicht einfach so mir nichts dir nichts lustig und mit Scheinwerferlicht durch die dunkle Stadt cruisen. Da wird man zu 100 % platt gemacht, wenn nicht von den Taliban, dann ganz sicher von den Amerikanern. So einen dummen (wenn vielleicht auch gut gemeinten) MÖCHTE-GERN-"Antikriegs-Film", der geringster Intelligenz und leider selbst minimalem militärischem Know-how nicht stand halten kann habe ich lange nicht gesehen (und ärgere mich über die weite Fahrt zur Premiere).