Von Angesicht zu Angesicht


Handlung

Die Psychiaterin Dr. Jenny Isaakson ist zu Besuch in Schweden bei ihren Großeltern, um vom stressigen Berufsleben auszuspannen, während ihr Mann auf einer Konferenz in den USA weilt. Ihre Arbeit mit psychisch Kranken und ihre Konfrontation mit ihren Zieheltern lassen Erinnerungen, Albträume und Sehnsüchte aufkommen – die scheinbar gefestigte Mittdreißigerin stürzt in eine tiefe berufliche und psychische Krise. Sie sucht Halt beim einfühlsamen Dr. Tomas Jacobi, der sich mit Vorliebe amourösen Abenteuern hingibt. Doch Jenny kommt an einen Punkt, an dem sie keinen Ausweg im Diesseits mehr sieht.

Meinung

Ingmar Bergmans „Von Angesicht zu Angesicht“ gewann unter anderem den Golden Globe als Bester Ausländischer Film, Liv Ullmann war für die Beste Hauptrolle und Ingmar Bergman für die Beste Regie für den Oscar nominiert. Das herausragende Spiel von Liv Ullmann als Psychiaterin, die an einer Patientin scheitert – sich selbst – macht das psychologisierte Kammerspiel sehenswert. Die Psychologie ist das Grundthema des Films, die schrittweise Wandlung einer stabilen, erfolgreichen Ärztin in einen in der Gefangenheit der eigenen psychichen Kammer isolierten Pflegefall. Dieser folgen Bergman und Ullman mit einer beispiellosen mitnehmenden Intensität, die für Bergmans Filme charakteristisch ist. Der Psychologe betrachtet den Menschen als eine Kammer oder einen „psychischen Apparat“ (Freud), der auf bestimmte Phänomene (in der Kindheit) mit Verdrängung reagiert, die zugrunde liegenden unbefriedigten Bedürfnisse in gesellschaftliche Tätigkeit oder im schlechtesten Fall in neurotischen Zügen sublimiert. Im Falle von Jenny Isaakson treten die Erinnerungen an Verdrängtes durch die direkte Konfrontation zutage – einmal in Gestalt vom Verführer Tomas Jacobi, der Jenny an die sexuellen Bedürfnisse erinnert, die ihr Mann bei ihr nicht mehr befriedigen kann, weshalb Jenny auch einen Liebhaber hat, den man im Film allerdings nicht zu Gesicht bekommt. Andererseits mit ihrer gefühlskalten Kindheit bei den Großeltern, die ihr keine Elternliebe geben konnten.

Der Akt des Missbrauchs durch zwei Männer im Haus einer Patientin ist beiderseits die Lust an der sexuellen Unterwerfung, wie Jenny Jacobi gesteht. Denn paradoxerweise hat sie sich trotz ihres Ekels gewünscht, dass ihr Peiniger in sie eindringt, und gleichzeitig die Objektwerdung im Missbrauch und dem daraus folgenden Minderwertigkeitskomplex, den Vater nicht befriedigen zu können – ihr Vergewaltiger hält Jenny für „zu eng“ und lässt deshalb von ihr ab. Die freudianische Perspektive des Psychologen ist diejenige von Jenny, mit der sie an Patienten herangeht, an ihrer eigenen psychischen Dissonanz erfährt sie das „Scheitern der Psychoanalyse“ vor dem Menschen, wie es ihr Partner in der Klinik nennt. Damit ist nicht das Scheitern der Erkenntnis gemeint, sondern der tiefe Graben zwischen der Erkenntnis der psychischen Beschaffenheit des Menschen und der tatsächlichen Möglichkeit der Behandlung, die vorraussetzt, in die innere psychische Kammer des Menschen Zugang zu finden.


Der Selbstmord Jennys ist die logische Konsequenz ihres psychischen Zusammenbruchs, während die Umwelt nicht weit genug in ihr Innerstes eindringen konnte. Der Versuch scheitert jedoch – Jacobi erkennt in Jenny den Menschen, der in ihrem Inneren verborgen war und behandelt sie feinfühlig und mit vielen Gesprächen. Der Film ist letztlich teiloptimistisch und suggeriert, dass andere Menschen uns doch aus der Enge unserer psychischen Kammern herausführen können.


Die Psychologisierung Bergmans erfolgt über Traumsequenzen, die verdrängte Erinnerungen, Begierden und die tiefsten Sehnsüchte Jennys symbolisch darstellen; die Handlung des Films ist damit eine Art Traumdeutung.

Psychologisch-intensive Seelenwanderung.

von Niklas Anzinger



Jenny Isaakson: Liv Ullmann
Großmutter: Aino Taube
Großvater: Gunnar Björnstrand

Jennys Mann: Sven Lindberg
Tomas Jacobi: Erland Josephson

Regie: Ingmar Bergman | Schweden, 1976

Länge: 135 min | FSK: ab 16 | Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Schnitt: Siv Lundgren | Produktion: Ingmar Bergman, Dino De Laurentiis, Lars-Owe Carlberg