Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen
Handlung
Als Kind wird die adelige Hildegard in ein Benediktinerkloster unter der Leitung Abt Kunos gegeben. Nach dem Tod ihrer Mentorin Jutta von Sponheim wird Hildegard gegen ihren Willen zur Magisterin gewählt. Ermutig vom Benediktinermönch Volmar veröffentlicht Hildegard ihre Visionen, was ihr und dem Kloster zu Ansehen und Einfluss verhilft. Hildegard fühlt sich berufen, ein Nonnenkloster zu gründen. Ihren Schwestern missfällt das strapaziöse Klostererbauen. Hildegard indes vergleicht sich mit Moses, der die Israeliten ins Gelobte Land führte und verspricht: "Bald dürfen wir uns wieder schmücken."
Meinung
"Die letzte Nacht des Millenniums" verkündet der Prolog. Der Priester mahnt die verängstigten Gläubigen zum Gebet. Es sei die letzte Nach der Menschheit, gleich gehe die Welt unter. Vom künstlerischen Standpunkt aus hat der Priester mit dem Weltuntergang recht. Bereits das erste Bild legt den inszenatorischen Grundton des biografischen Dramas "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" als zweitklassigen Fernsehfilm fest. "Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.", lässt die Regisseurin und Drehbuchautorin aus der Bibel zitieren. Nicht im Kino. In ihrem schwülstigen Zweistundenfilm inszeniert Margarethe von Trotta die bedeutende Frauengestalt des Mittelalters als fade Betschwester. Dass manche Pflanzen berauschende Wirkung haben, weiß jeder, der mal an einem Joint gezogen hat. Doch Hildegard, die vielleicht nur zu tief ins Weihrauchgefäß geblickt hat, glaubt ihre titelgebende "Vision" gottgesandt. Dank ein paar billiger Schaueffekte soll der Zuschauer ihr das abkaufen. "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" setzt wie Populärbiografien über Nostradamus oder Rasputin voraus, dass an der Sehergabe im Kino nicht der ärgste Skeptiker zweifelt. Dass die typischen Symptome angeblicher "Seher" oft mit denen der Schizophrenie übereinstimmen, fällt bei von Trotta unter das Schweigegelübde.
Die letzte Nacht des ersten Millenniums war im ungefähren Geburtsjahr Hildegard von Bingens fast hundert Jahre her. Ungenau und mystifizierend ist der gesamte Film. Von Trotta scheitert an ihrer filmischen "Vision". Wollte sich Hauptdarstellerin Barbara Sukowa mit der Rolle Hildegards von Bingen geißeln oder war ihr Glaube in von Trotta, der sie drei erfolgreiche Rollen verdankt, mächtiger als der Verstand? Der oberflächlich angelegten Hauptfigur kann Sukowa keine Tiefe verleihen. Verstößt Hildegard ihren Schützling Richardis, verhehlt die Handlung den beleidigten Stolz Hildegards. Viel hätte dieser biografische Aspekt der emotionalen Gekränktheit hergeben können. Doch "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" ist in seiner furchtsamen Keuschheit mittelalterlich. Visuelle Enthaltsamkeit predigt der Film, wenn es um die dramatischen Momente in Hildegards Biografie geht. Hildegards innige Beziehungen zu Volmar und ihrem Mündel Richardis bleiben unergründet. Zwar rührt die kritische Einstellung Hildegards zur Selbstkasteiung an das Motiv der kirchlichen Körperfeindlichkeit, doch wird das Thema so leichtfertig abgewischt wie die Tränen der jungen Hildegard über den von Wundmahlen übersäten Körper ihrer Klostermutter. Physische Selbstbestrafung wird unter Hildegards Aufsicht nicht praktiziert. Stattdessen konstruiert "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" eine Ideal vergeistigter Reinheit.
Der Selbstmord einer von einem Mönch schwangeren Nonne wird als gerechte Strafe auf den Gelübdebruch dargestellt. Dass der Verstoß durch ihre Magisterin Hildegard Anlass für den Freitod war, ficht die Seligkeit Hildegards nicht an. Statt emanzipatorisch wirkt Hildegards Verweis auf die Mitschuld des Mönches doppelt prüde. Mögen beide Sünder in der Hölle schmoren! Richardis stirbt in Reue, nachdem sie entgegen Hildegards Wunsch die Wahl zur Äbtissin eines entlegenen Klosters angenommen hat. Hätte sie nur abgelehnt wie die fromme Hildegard ihre Wahl zur Magisterin.
Dass Hildegard selbet auf öffentliches Ansehen und ihren Einfluss bedacht war, stellt "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" als ungerechten Neid Richardis dar. Die Idealisierung beraubt die Hauptfigur der seelischen Tiefe. Edelsteinzauber und Engelsvisionen machen die gebildete Heilkundige auf der Leinwand zur biedere Esoterikerin. Gegen die uninspirierte Regie und platten Dialoge hilft nicht einmal Klosterfrauenmelissengeist.
Weit entfernt von einer Vision.
Hildegard von Bingen: Barbara Sukowa
Abt Kuno: Alexander Held
Volmar: Heino Ferch
Richardis: Hannah Herzsprung
Regie: Margarethe von Trotta | Deutschland, 2009
Länge: 111 min | FSK: ab 12 | Buch: Margarethe von Trotta | Kamera: Axel Block | Szenenbild: Heike Bauersfeld | Schnitt: Corinna Dietz | Musik: Chris Heyne | Produktion: Markus Zimmer

