Up in the Air
Handlung
Ryan Bingham steht über den Dingen. Trotz seiner stoischen Ruhe geht er nahezu täglich in die Luft. Der Job des leidenschaftlichen Bonus-Meilen-Sammlers ist es, den Mitarbeitern anderer Firmen ihre Entlassung mitzuteilen. Sein Vorgesetzter Craig bezahlt Ryan dafür, für andere Chefs die Drecksarbeit zu übernehmen. Elegant und gelassen, im teuren Anzug muss der Vielflieger die Kündigungsnachricht überbringen. Nach getaner Arbeit fliegt er von dannen: Mein Werk ist vollbracht. Dazu braucht es keine Superhelden-Kräfte. Ein Flugticket genügt. „Mich zu kennen, heißt mit mir zu fliegen.“, sagt Ryan. Er steht kurz vor seinem persönlichen Ziel, 10.000 Bonus-Meilen zu erreichen. Ausgerechnet als Ryan in der Geschäftsfrau Alex eine Seelenverwandte gefunden zu haben glaubt, droht ihm der berufliche Absturz. Ein von der ehrgeizigen Natalie entwickeltes Computerprogramm soll Ryans Berufsreisen überflüssig machen. Um das Computerprogramm zu testen, fliegen die Konkurrenten gemeinsam auf Geschäftsreise - die Ryans letzte sein könnte.
Meinung
„Up in the Air“ ist Regisseur Jason Reitmans sarkastischer Kommentar auf die Funktionalisierung der Gesellschaft in Zeiten der Wirtschaftskrise. Zwischenmenschlicher Kontakt ist in der durchorganisierten Welt der Flughäfen, Konferenzräume und Business-Zentren nur noch lästig. Sind sie unvermeidlich, müssen sie durch elektronische Kommunikationsmittel gefiltert werden, um den geringst möglichen manipulativen Effekt zu besitzen. Nur nicht rühren lassen von dem gekündigten Mitarbeiter, der ein Foto seiner Kinder zückt (Notiz: Das süße Foto von den Zwillingen der besten Freundin für Notfälle kopieren), oder der Entlassenen, die ihren Selbstmord ankündigt (Notiz: Suiziddrohungen sind effektiver, wenn sie ungerührt ausgesprochen werden). Lässt Reitman unbarmherzig, jedoch niemals hämisch, einen Gekündigten nach dem Anderen psychisch zusammenbrechen, versprüht „Up in the Air“ den beißend zynischen Witz, der schon Reitmans „Thank You for Smoking“ auszeichnete. Eine halbe Stunde gleitet die Satire schwerelos dahin, dann landet „Up in the Air“ holperig auf dem Boden filmischer Konvention. Der Himmel liegt in der amerikanischen Mainstream-Komödie, der sich diese Satire letztlich unterordnet, immer noch in einem traditionellen Familienleben. Partner, Kinder, Haus und weißen Gartenzaun kann auch eine Vielfliegerkarte aus Edelmetall nicht ersetzen. Im zeitgenössischen Ambiente moderner Flughäfen erzählt die Kinoadaption von Walter Kirns Roman „Die Vielflieger“ die klassische Geschichte vom einsamen Vagabunden. Mit dem kleinen Unterschied, dass Hauptdarsteller George Clooney eine Maschine besteigt anstelle eines Pferdes.
Über den Wolken kann Ryan im figurativen und praktischen Sinne auf gewöhnliche Alltagsprobleme herab blicken. Paradoxerweise fühlt er gerade im Flugzeug die nötige Distanz zu den Dingen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das Erreichen seines persönlichen Ziels, als siebenter Passagier überhaupt 10.000 Bonusmeilen zu sammeln, hat für ihn nur symbolische Bedeutung. „Das Fliegen ist das Ziel.“, sagt Ryan in Abwandlung der spirituellen Binsenweisheit 'Der Weg ist das Ziel'. Was für die Anderen nur Mittel zum Zweck ist, ist für ihn zum Selbstzweck geworden. Ryans Vielfliegen hat eine deutlich zwanghafte Seite. Wo andere Panikattacken bekommen, fühlt er sich am sichersten. Die immer gleichen vertrauten Rituale am Flughafen schenken ihm jenes Gefühl von Geborgenheit, welches er in der modernen Gesellschaft längst verloren weiß. „Es ist diese Art von systematischen, freundlichen Gesten, dank derer ich mich wohl fühle.“, sagt er über den zwischenmenschlichen Kontakt am Flughafen. Unter seinem professionellen Auftreten versteckt Ryan seine Angst vor Zurückweisungen. Das Lächeln der Stewardess ist so zuverlässig wie die Ansage des Co-Piloten. Nette, unverfängliche Gesten, welche keine der Verpflichtungen nach sich ziehen, die Ryan so sehr fürchtet. „Wir sind keine Schwäne. Wir sind Haie.“, sagt Ryan. Und der Haifisch, der hat Zähne.
Die bittere Ironie hinter der Idealisierung von Familienleben und traditionellen Werten ist, dass Ryan, gerade als er darauf wieder zu vertrauen beginnt, enttäuscht wird. „An Treue ist nichts Schäbiges.“, verspricht eine Reklametafel. Im Gegensatz zu Ryans Mitmenschen hält die Fluggesellschaft ihr Wort. „Up in the Air“ mit Leichtgepäck statt mit emotionalem Ballast ist Ryan letztendlich besser dran als eingesperrt in einem biederen Familienleben. So schön war ein Unhappy End selten.
Nur fliegen ist schöner.
Ryan Bingham: George Clooney
Craig: Jason Bateman
Natalie: Anna Kendrick
Alex: Vera Farmiga
Regie: Jason Reitman | USA, 2009
Länge: 110 min | FSK: o. A. | Buch: Jason Reitman, Sheldon Turner | Kamera: Eric Steelberg | Musik: Rolfe Kent | Schnitt: Dana E. Glauberman | Szenenbild: Steve Saklad | Produktion: Ivan Reitman, Daniel Dubiecki, Jeffery Clifford

