Troubled Water


Handlung

Das Wasser des Bachs fließt ruhig, als Thomas den leblosen Kinderkörper darin treiben lässt. Mit einem Komplizen hat der Jugendliche den Kinderwagen geklaut. Der kleine Junge darin ist in Thomas Beisein tödlich verunglückt. Jahre später wird der verschlossene junge Mann aus dem Gefängnis entlassen. In einer Kirche findet der begabte Musiker eine Stelle als Organist. Seelischen Beistand gewährt ihm die junge Pfarrerin Agnes, selbst alleinerziehende Mutter eines Sohnes im Alter des Jungen, der damals starb. Trotz seiner psychischen Belastung durch die Vergangenheit tastet sich Thomas an ein neues Leben heran. Da wird Agnes von einer Fremden um ihres Kindes Willen gewarnt. Es ist die Mutter Isaks, dessen Tod Thomas einst vertuschen wollte.

Meinung

Es war ein Unfall. Doch durch einen unglücklichen Zufall erscheint der Tod des Kindes wie ein Mord. Obwohl Thomas frühe Entlassung darauf schließen lässt, dass er höchstens wegen Totschlags verurteilt wurde, wird er von der Öffentlichkeit als Mörder wahrgenommen. In dieser Konstellation liegt die eigentliche Problematik der Handlung, welcher der Film beharrlich ausweicht. Schuld, Sühne und Vergebung sind die Kernthemen, welche „Troubled Water“ mühsam wälzt. Ihnen aber fehlt die Grundlage: „Es war ein Unglück. Ich muss mich nicht entschuldigen.“, sagt Thomas in einer Szene. Isak ist verunglückt als Thomas und sein Komplize ihn kurz unbeaufsichtigt ließen. Sein tödlicher Sturz war ein Unfall, wie er jeden Kind beim Spielen widerfahren könnte, selbst unter den Augen der Eltern. Thomas hat keine Schuld auf sich geladen, er muss nichts sühnen und kann keine Vergebung erlangen. Die unübersehbare religiöse Gewichtung der Handlung wirft somit weit komplexere – und glaubenskritischere - Fragen auf, als sie das Drama stellen will. Betrachtete man die filmischen Ereignisse als himmlisches Wirken, würde Gott als grausam und hinterhältig erscheinen. Als Strafe für Unachtsamkeit verliert Thomas alles: seine Freiheit, seine Familie, seinen sozialen Rückhalt. Nach einer - da er schuldlos ist unverdienten – Buße erlangt er etwas Lebensqualität zurück. Dieser Wiedergewinn soll den Hauptcharakter und den Zuschauer mit ihm indirekt dem Glauben näher bringen.

Der nicht blutige, aber ergreifend dargestellte Kindestod erinnert an die Geschichte des ungläubigen Thomas wie auch die Hiobs. Nur unmittelbarer Kontakt mit physischer Versehrung und umfassendem Verlust führt in den beiden biblischen Geschichten zum intensiven Glauben. Als Thomas Schuldgefühle für Isaks Tod nachlassen, taucht dessen Mutter Anna auf, als personifizierte Mahnung, dass schon eine Minderung der Gewissenslast Sünde sei. Zuerst wird Thomas die Anstellung als Organist versagt. Sein bewegendes Spiel lässt den Pfarrer sich jedoch eines Besseren besinnen, als habe er Gottes Wort durch die Orgelklänge vernommen. Im Haus des Herrn findet Thomas praktisch Asyl, wenn er die dem Organisten zur Verfügung gestellte Wohnung bezieht. 'Der Herr ist mein Hirte' gilt auch für schwarze Schafe. Solche dramaturgischen Ausschweifungen machen das Drama trotz seiner eindringlichen Inszenierung schleppend. Zähflüssig fließt Poppes „Troubled Water“ dahin, während die Charaktere sich selbst und die Zuschauer mit ihren Ängsten martern. Die konzentrierten schauspielerischen Darstellungen, insbesondere als trauernde Mutter, können die religiöse Moralkeule nicht dämpfen. Trotz seines hohen inszenatorischen und darstellerischen Niveaus scheitert das Figurendrama an seiner dramaturgischen Unausgeglichenheit. Die Glaubensbotschaft zeichnet sich bereits im Titel und Thomas Orgelsspiel ab. Klassische Stücke mischt er mit Passagen aus Simon & Garfunkel´s „Troubled Water“:

„When You're down and out, when You're on the street
When evening falls so hard, I will comfort You, I´ll take Your part
When darkness comes and pain is all around...“

Der Herr beruhigt stürmische Wasser und spendet gepeinigten Seelen Trost. Der Song drückt das weniger apodiktisch und poetischer aus, als es Poppe in „Troubled Water“ vermag.

Stille Wasser sind tief.

von Lida Bach



Thomas: Pal Sverre Valheim Hagen
Agnes: Trine Dyrholm

Anna: Ellen Dorrit Petersen
Isak: Jon Vagenes Eriksen

Regie: Erik Poppe | Norwegen, 2008

Länge: 121 min | FSK: ab 12 | Buch: Harald Rosenlow-Eeg | Kamera: John Christian Rosenlund | Musik: Johann Söderqvist | Schnitt: Einar Egeland | Produktion: Finn Gjerdrum