Tagebuch einer Kammerzofe


Handlung

Ende der 1920er tritt die aus Paris kommende Célestine in einer namenlosen Provinz in Frankreich eine Stelle als Kammerzofe an. Ihre Herrschaften, der lüsterne Monsieur Monteil, seine frigide Gattin und ihr mit einem Damenschuhfetisch ausgestatteter Vater Monsieur Rabour, nehmen sie wohlwollend – die Einen mehr, als die Anderen – in ihrem stattlichen Anwesen auf. Hier verrichtet die von den Männern des Hauses begehrte Célestine ihre Dienste und lebt mit den anderen Bediensteten zusammen. Unter ihnen befindet sich auch der Kutscher Joseph, ein fanatischer Faschist, der am Tisch seine antisemitischen Hasstiraden vom Stapel lässt. Als eines Tages im Wald die junge Claire tot aufgefunden wird, versucht Célestine, ihren Mörder zu überführen, den sie in ihrem Umfeld wähnt.


Mit einer List kann sie die Polizei von Josephs Schuld überzeugen. Nach der Hochzeit mit einem Offizier der Reserve steigt die Kammerzofe in die Oberschicht auf und macht es sich dort bequem – der ewige Kreislauf beginnt von Neuem.


Meinung

Der auf Octave Mirbeaus gleichnamigen Roman basierende Film „Tagebuch einer Kammerzofe“ gehört zu den dunkleren Werken in Luis Buñuels Filmarbeiten und leitet die bedeutende letzte Periode seines künstlerischen Schaffens ein, in der er vorwiegend in Frankreich drehte und für die Drehbücher mit Jean-Claude Carrière zusammenarbeitete, welcher in „Tagebuch einer Kammerzofe“ eine Schauspielrolle als Dorfpfaffe übernahm. Buñuel entwirft in dem 1964 entstandenen Werk eine beunruhigende Welt, die im Laufe der Handlung immer undurchsichtiger und brutaler wird. Es ist eine Welt, die ein Milieu zeigt, dem Buñuel stets kritisch gegenüberstand: die Bourgeoisie. Schon früher ein beliebtes Angriffsziel seiner Filme ist sie auch in „Tagebuch einer Kammerzofe“ Zielscheibe einer bitterbösen von Satire ummantelten Kritik. Die Oberschicht wird als dekadent und lächerlich, nämlich als festgesessene sittenlose Bagage portraitiert, die versucht, die Zeit totzuschlagen. Arbeiten lassen die Herrschaften ihr Geld und Bedienstete. Währenddessen jagen sie und schießen dabei auf Schmetterlinge, spielen Karten oder schwelgen in Erinnerungen und erfreuen sich an „hübschen Schuhchen“. Gefangen im goldenen Käfig sind sie sozial und moralisch abgestumpft – und damit gefährlicher Nährboden für den aufkeimenden Faschismus. Und auch Buñuel anderes rotes Tuch wird nicht verschont: die Kirche. Der Dorfpfaffe ist ein opportunistischer Geldeintreiber und der Kirchendiener stimmt lauthals in den faschistischen Hetzgesang Josephs mit ein.

Im Roman wird auf Grund seiner Tagebuchstruktur aus der Perspektive der Kammerzofe berichtet. Mirbeau lässt den Leser an den Gefühlen und Motiven Célestines teilhaben. Buñuel verzichtet jedoch in seiner Verfilmung zum größten Teil auf den subjektiven Gesichtspunkt. Er nutzt den Film als objektives Medium, was diesem durch seine äußerlich bleibende Sicht auf die Dinge eingeschrieben ist. Auch auf die für ihn typischen surrealen Elemente wie Traum- bzw. Albtraumsequenzen verzichtet Buñuel in „Tagebuch einer Kammerzofe“. Sachlich erzählt er die Geschichte um die Zofe. So muss sich der Betrachter selbst ein Bild von Célestines Gefühls- und Gedankenwelt machen. Nur in ausgewählten Momenten lässt uns der Regisseur einen konkreten Blick in sie hineinwerfen.


Als sie auf dem Bahnsteig steht und erfährt, dass eine Mädchenleiche mit aufgeschlitztem Körper gefunden wurde, ändern sich ihre Gesichtzüge und auf der Tonebene vernimmt man das Geräusch einer fahrenden Kutsche – sie verdächtigt Joseph, Claire ermordet zu haben.


Meist bleibt uns die verschlossene Kammerzofe aber ein Rätsel, ihre Motive erschließen sich nur selten und es ist schwer, ihre Handlungen nachzuvollziehen. Die Undurchdringbarkeit ihrer Person macht die Hauptfigur für den Zuschauer unberechenbar. Das enigmatische Spiel Jeanne Moreaus unterstützt dies noch zusätzlich. Nach zehn Drehtagen wandte sich die Hauptdarstellerin an Jean-Claude Carrière und fragte ihn, warum Regisseur Buñuel ihr keine Spielanweisungen gäbe. Als jener die Frage an Buñuel weiterleitete, antwortete ihm dieser: „Sie ist es, die mir Einblick in die Figur gibt.“ Ganz ähnlich ergeht es dem Betrachter des Films. Der Zuschauer muss sich an die Fersen Célestines heften – was der alte Rabour nur allzu gern getan hätte – um hinter den Film zu steigen.

„Tagebuch einer Kammerzofe“ ist vielleicht nicht Buñuels künstlerisch innovativster Film und einigen Liebhabern seines visuellen Erfindungsreichtums manchmal ein wenig zu sehr dem Realismus verhaftet, aber für seinen historisierenden Ansatz durchaus beachtenswert. Er ist als Kommentar auf das Verhältnis zwischen dem Faschismus und der Oberschicht zwischen den zwei Weltkriegen zu lesen und als solcher spannend und unterhaltsam umgesetzt.

Bissiger Eintrag ins Tagebuch der Filmgeschichte.

von Markus Wuttke



Célestine: Jeanne Moreau
Monsieur Monteil: Michel Piccoli
Madame Monteil: Francoise Lugagne

Monsieur Rabour: Jean Ozenne
Joseph: Georges Géret

Regie: Luis Buñuel | Frankreich, Italien, 1964

Länge: 94 min | FSK: ab 12 | Buch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière | Kamera: Roger Fellous| Szenenbild: Georges Wakhévitch| Schnitt: Luis Buñuel, Louisette Hautecoeur | Produktion: Michel Safra, Serge Silberman