She, a Chinese
Handlung
Sie hat ein Geschichte von einem Mädchen gehört, welches wie eine Kirschblüte war, erzählt Mei. Bevor es verwelken würde, stürzte es sich in den Tod. Die junge Chinesin Mei gleicht jenem Kirschblütenmädchen. Die junge Frau arbeitet an den Billardtischen eines Imbissstandes. Sie stürzt sich ins Leben, lässt sich umhertreiben, bevor sie verwelkt in der Enge der chinesischen Provinz. Farbige Titelkarten kommentieren die Episoden auf Meis Weg und spiegeln ironisch die Handlung wieder. „Jede Mutter will nur das Beste für ihre Tochter.“ - Das „Beste“ ist ein Parteikader, mit dem Mei sich verabreden soll. Sie spürt, dass sie keine Zeit mehr hat, bevor sie in der Trostlosigkeit ersticken wird und flieht in die Stadt, wo sie in einem Bordell strandet. „Niemand kennt Spikeys richtigen Namen.“ - Wie Mei will der Kriminelle Spikey in den Westen. Eine Aufnahme des Big Ben hat Spikey an der Wand seines kargen Zimmers. Vor einem ähnlichen Bild lässt sich Mei in einem Fotogeschäft ablichten. Das Bild verbindet die beiden Rastlosen, die sich vorsichtig zu lieben beginnen.
Meinung
„She, a Chinese“ nennt die chinesische Regisseurin Xiaolu Guo die Hauptfigur ihres berührenden Dramas, welches eine junge Frau auf der Suche nach Freiheit begleitet. In stillen, unter die Haut gehenden Bildern erzählt sie von Meis verzweifeltem Drang nach Selbstverwirklichung und Leben. Fast anonym erscheint Mei zuerst. Die Billardtische vor dem Imbissstand, an dem sie zu Beginn arbeitet, stehen wie dessen alte Tische und Stühle im Freien. Diese Offenheit symbolisiert nicht Freiheit, sondern Leere. Nichts gibt es in der ländlichen Provinz. Die Landschaft ist trist und leer, moderne Gegenstände wirken wie Relikte einer fremden Welt, in welcher die Zeit nicht still zu stehen scheint. Der MP3-Player eines Bekannten ist einer dieser magischen Gegenstände. Darauf Musik zu hören, ist für Mei einer der wenigen Fluchten aus der Monotonie ihres Alltags. Der jugendliche Besitzer ist nur ein flüchtiger Bekannter, einer der Männer, von denen Mei sich in den nächsten Ort ins Kino bringen lässt oder auf deren Motorroller sie mit fährt. Die Einsamkeit scheint Mei die Sprache genommen zu haben. Nur selten wird in Guos Drama gesprochen. Worte sind überflüssig, die nüchternen Bilder sprechen eine eigene Sprache.
In der Beziehung zwischen Spikey und Mei gibt es wieder kaum Worte. Mei kommuniziert über ihren Körper, als sei sie begierig auf jedes Gefühl, dass sie an ihre Lebendigkeit erinnert, daran, dass sie noch nicht in der Monotonie gestrandet ist, welche ihre Mitmenschen gefangen hält. Mit Gesten verständigt sie sich mit dem wesentlich älteren Mr. Hunt, den sie in England heiratet, mit dem Einwanderer Rashid kommuniziert sie über Sexualität. Als Spikey ermordet wird, reist Mei mit seinem Ersparten nach England. Ihr Lebenswille ist nur noch intensiver geworden und „Manchmal ist das Leben einfacher, als man denkt.“ Das wenige Glück, welches Mei findet, entpuppt sich als trügerisch. Immer gibt es etwas, was die junge Frau gefangen hält. Armut, lokale Grenzen, eine Beziehung. Die Enge, welcher Mei entkommen will, hat viele Formen. In einer davon überfällt sie Mei immer wieder. „She, a Chinese“ klingt nach einer Tragödie. Doch Huang Lu verleiht ihrer Figur eine verborgene Stärke. Mei ist kein Opfer, sondern eine fest Entschlossene. Ihr Ziel, zu leben, verwirklicht sich bereits in ihrem Kampf für dieses Ziel. In Sprüngen treibt Regisseurin Guo die Handlung von „She, a Chinese“ voran, ohne dass die Handlung zerreißt. Bis auf den Grund ihrer Seele ergründet Guo ihre Titelfigur, deren Identitätssuche und Freiheitsdrang sinnbildlich für den vieler junger Chinesen steht.
Mit „She, a Chinese“ vertritt die Regisseurin ein junges, modernes chinesisches Kino, welches sich gegen die Zensur stellt. „Die größte Zensur ist die kommerzielle Hollywoodmaschinerie, welche uns alle Möglichkeiten nimmt.“, sagt Guo. „Gegen Filme wie 'King Kong' und 'Harry Potter' haben wir keine Chance.“ Einen der beiden letzten Filme sieht Mei im Ortskino. Das Wenige, das aus dem Westen hinüber gelangt, sind Massenprodukte und Abfall, die sich auf den Müllhalden sammeln, welche Meis Familie nach Verkäuflichem durchsucht. „She, a Chinese“ verweigert sich diesen Abfallprodukten. Hauptfigur und Drama finden eine eigenen Geschichte.
Viel besser als King Kong.
Mei: Huang Lu
Spikey: Wei Yi Bo
Mr. Hunt: Geoffrey Hutchinson
Rashid: Chris Ryman
Regie: Xiaolu Guo | Großbritannien, Frankreich, 2009
Länge: 98 min | FSK: ab 12 | Buch: Xiaolu Guo | Kamera: Zillah Bowes | Musik: John Parish | Schnitt: Andrew Bird | Produktion: Natasha Dack

