Schlafes Bruder
Handlung
Elias Alder wird im Voralberg geboren und von seinem Umfeld aufgrund seiner absonderlichen Stimmfarbe gemieden und verstoßen. Unter diesen verdrießlichen Umständen sieht er sich gezwungen, in einem inzestuösen Dorf unter Mongoliden aufzuwachsen, zur Einsamkeit verdammt, ohne Möglichkeit sein Genie zu zelebrieren. Einzig seine Überzeugung, durch Gott bestimmt, seine Kusine zur Frau zu nehmen, hält den gelbäugigen Hermaphrodit in gleichförmig seliger Apathie. Doch diese Rechnung hat der Hochbegabte ohne seinen einzigen Weggefährten und gleichzeitigen Verehrer Peter gemacht, der zu alledem noch der Bruder seiner Angebeteten ist. Dieser nämlich malt sich Gleiches mit dem schmächtigem Elias aus und weiß den beiden, vermeintlich für einander Bestimmten, einige Hindernisse in den Weg zu legen.
Meinung
Epochal ertönt der Bach’sche Choral "Kömm, o Tod, du schlafes Bruder" und zieht uns, auf den Schwingen eines Vogels sitzend, in die Gebirgslandschaft des voralischen Eschbergs. Paralysiert sitzt der Zuschauer, sich in seinem Sitz verkrallend, bei solch einer mächtig auditiven Einführung, das Erhabenste erwartend.
Viele Spekulationen rankten sich um die Verfilmung des Erstlingswerks "Schlafes Bruder" von Robert Schneider, der mit 24 sein Musikstudium abbrach, um Schriftsteller zu werden. Mit 24 Absagen namenhafter Verleger schien sein Durchbruch fast so beschwerlich wie der seines Romanhelden Elias Alder, dessen Genie zeitlebens keinen Durchbruch fand. Doch hatte Robert Schneider Etwas, was seinem Romanhelden vergönnt blieb; ein Leben im 21. Jahrhundert und die Erkenntnis des Reclam–Verlags, dass dieses Werk doch etwas Unerhörtes sei. Ähnlich empfanden das auch die Literaturkritiker bei dem 1992 erschienen Werk. In kürzester Zeit erlangte der Roman eine Auflagenstärke von 1,3 Millionen. Rufe wurden laut, nach denen "Schlafes Bruder" der erste ernstzunehmende postmoderne Roman seit Patrick Süskinds "Das Parfum" sei: Physisch erlebbar die Sprache und von solch einer filigranen wie barbarischen Textur, dass die Thematik, nämlich die vergebliche Liebesmüh eines verunstalteten sowie verkanten Musikgenies im Spiegel tiefer Gläubigkeit, sich von jeglicher Überkandidelung freisprechen kann.
Ähnlich tief betroffen, machte die Lektüre dieses Buches den Komponisten Norbert J. Schneider, der Anfang 1993 seinem Freund, dem Regisseur Joseph Vilsmaier, eben dieses begeistert vorlegte. Der Enthusiasmus keimte auch in ihm, und das bis dato ehrgeizigste Filmprodukt der Bundesrepublik Deutschland, mit einem für damalige Verhältnisse großem Budget von 15 Millionen Mark, nahm seinen Lauf. Joseph Vilsmaier, bis hierhin nur durch einige Heimatfilme bekannt geworden, schaffte es, den skeptischen Schriftsteller Robert Schneider als Drehbuchautor zu gewinnen. Unter widrigsten Bedingungen wurde die Kulisse originalgetreu in der Vorarlberger Gemeinde Gaschhurn in 1700 Metern neu errichtet. Doch es war unlängst schwerer, die Sprache des Schneider’schen Romans sowie die Impertinenz des Aldersch’en Musikgenies zu manifestieren. Der Film nähert sich in klassisch linearer Erzählmanier an das von Schneider so hochkomplex erbaute Heldenpathos und macht daraus eine Voralbergische Liebesgeschichte.
Das deformierte Musikgenie Elias Alder besetzte Vilsmaier mit Andre Eisermann, der durch den Film "Kaspar Hauser" bekannt wurde. Die Rolle des Peters bekam der rotschöpfige Ben Becker zugedacht und die von Elias angeschmachtete Elsbeth interpretierte kurzerhand die Frau Joseph Vilsmaiers Dana Vavrova. Leider schafft es der Film in seinem weiteren Verlauf nicht, die Hände des Zuschauers gleich der Anfangszene zur Verkrampfung zu führen. Obwohl man das verströmte Herzblut sowohl der Schauspieler als auch des Regisseurs und der liebevoll gecasteten Komparsen förmlich nachempfinden kann, ist es doch die falsche Empfindung, die hängen bleibt. Elias ist letztlich doch zu schön, die angeschmachtete Elsbeth schließlich doch zu vorhersehbar und der Freund Peter, abschließend nur ein kleines Ego in seinem Stolz gekrängt, gleichfalls berechenbar. Die Genialität des Hauptprotagonisten ist nicht greifbar, nicht erfahrbar. Das "Hörwunder" nicht sichtbar.
Zu dem Leiden des Elias Alder finden wir keinen wirklichen Zugang, auch nicht unter Abhilfe der wahrhaftig authentisch wirkenden Kulisse. Dass, was den Film groß gemacht hätte, nämlich, dass wir die Berührung des Elias durch Gott hätten nachempfinden können, konnte nicht transportiert werden. Die übernatürlichen Begegnungen des Hauptprotagonisten, in denen er sich jedes Mal die Gewissensfrage zwischen Musik und Liebe stellt, bildet keinen ausreichenden Kontrast zu seiner sonst so verschlammten, archaischen Umgebung. Filmisch umgesetzt wirken sie daher nicht epochal sondern angestrengt.
Der finale vom Hauptprotagonisten gewählte Freitod, ist im Roman der Zuckerguss einer virtuos gestapelten Zerreisprobe. In cineastischer Darstellung zerfällt auch dieser zu einer nicht nachvollziehbaren Farce. Nichtsdestotrotz: Möchte man einen behutsam flockigen Heimatfilm sehen, ist die Verfilmung Vilsmaiers sicher vertretbar, nur epochal anmutend ist er leider nicht.
Nicht ganz so prächtig wie die Kulisse.
Elias Alder: Andre Eiserman
Peter: Ben Becker
Elsbeth: Dana Vavrova
Regie: Joseph Vilsmaier | Deutschland, Österreich, 1995
Länge: 127 min | FSK: ab 12 | Buch: Robert Schneider | Kamera: Joseph Vilsmaier | Szenenbild: Rolf Zehetbauer | Schnitt: Alexander Berner | Produktion: B.A. Filmproduktion, Dor Film Produktionsgesellschaft, Iduna Film Produktiongesellschaft, Kuchenreuther Filmproduktion GmbH, Perathon Film-und Fernsehproduktions GmbH


Hey, super Rezension,
Hey, super Rezension, wirklich anspruchsvoll geschrieben!
Schlammschlacht an
Schlammschlacht an erzwungenen Fremdwörtern. Kritiken sollen dem Leser einen eingänglichen Einblick in das Filmwerk bieten, kein langzeit Fremdwortstudium nach sich ziehen! Ansonsten eine Kritik mit einigen interessanten Informationen aufwarten kann.