Renn, wenn du kannst


Handlung

„Wenn ich mich verliebe, gibt es meistens ganz große Katastrophen.“, weiß Benjamin. Von „solchen Aktionen“ wie der Liebe hat er sich darum losgesagt – die Liebe aber nicht von ihm. Sie stürzt in das Leben des verschlossenen Studenten, der seine Einsamkeit hinter beißendem Sarkasmus versteckt, als die junge Cellistin Annika vor Bens Augen mit dem Fahrrad stürzt. Doch statt Ben hilft Christian Annika auf. Ben sieht beide nur von seinem Balkon aus, von wo er seine Umwelt lieber aus sicherer Entfernung betrachtet. Denn Ben ist querschnitts-gelähmt, Christian sein Zivi. In einer chaotischen Nacht werden die drei, die auf unterschiedliche Weise mit der eigenen Unsicherheit kämpfen, zu Freunden.


Auch Christian verliebt sich in Annika, die es jedoch mehr zu Ben zieht. Das Gefühlschaos stellt die Freundschaft des Trios auf die Probe und vor die Frage, wie es um ihre Unvoreingenommenheit tatsächlich steht.


Meinung

Eine klassische Ménage à trois zwischen zwei Männern und einer jungen Frau und die Geschichte eines menschenscheuen Zynikers, den die Liebe aus der emotionalen Deckung lockt. Ungewöhnlich ist nicht die Thematik von Dietrich Brüggemanns auf der Berlinale 2010 in der Perspektive Deutsches Kino gezeigten Tragikkomödie, sondern die unkonventionelle Sichtweise, aus welcher er sie darstellt. Geschickt gelingt es dem zweiten Werk des Jungregisseurs, dessen Drehbuch die zweite Zusammenarbeit der Geschwister Anna und Dietrich Brüggemannn darstellt, das eigentliche Sujet des Films in den Hintergrund treten zu lassen. „Renn, wenn du kannst“ ist ein Film mit einem Behinderten als Hauptcharakter, doch es ist kein „Behinderten-Film“, der ständig um den physischen Zustand des Protagonisten kreist oder verkrampft betont, dass dieser „ganz normal“ sei. Bens Normalität erlebt man ganz nebenbei, meistens in ziemlich unsympathischer Weise. Systematisch schikaniert er seine Zivis, irritiert sein Umfeld mit grotesken Märchen über seine Vergangenheit und befremdet mit seinem Zynismus sogar die von ihm heimlich verehrte Annika. Bens bissige Sprüche, welche nur eine Facette der an anderer Stelle überraschend feinfühligen Dialoge sind, machen die Tragikkomödie zu einem humoristischen Glanzstück in der unter plumpen Massenkomödien leidenden deutschen Filmlandschaft .

Dennoch ist „Renn, wenn du kannst“ alles andere als ein vollkommener Film. Brüggemanns eigenwilliges Drama hat zahlreiche Längen. Manchmal sind sie auf ihre Weise gelungen, ein genüssliches Auskosten eines besonderen Moments, wie das nächtliche Balkongespräch der drei Protagonisten. Dann wiederum stören gezwungene Wendungen, welche den melancholisch-schwarzen Humor der Melodramatik zu opfern drohen. In der schlimmsten dieser ungelenken Kurven, welche der Plot unerwartet schlägt, riskiert Brüggemann mit überflüssigem Moralisieren gar die Glaubwürdigkeit seines bis dahin gelungenen Werks. Den schnörkellosen Darstellungen des jungen Ensembles, besonders dem nach einer Rolle in der oberflächlichen Studenten-Komödie „13 Semester“ endlich geforderten Hauptdarsteller Robert Gwisdek, ist die Authentizität zu verdanken, welche „Renn, wenn du kannst“ aus der Masse belangloser Kinounterhaltung hervorhebt. Man könnte sagen, „Renn, wenn du kannst“ gleicht mit seinen filmischen Fehlern den Protagonisten, die sich trotz ihrer Schwächen behaupten. Oder man folgt der Aussage Bens und Christians, „porno“ sei das „neue geil“. Dann ist Brüggemanns Film porno.

Trotz Handicaps ein filmischer Spurt über die Zielgrade.

von Lida Bach



Ben: Robert Gwisdek
Annika: Anna Brüggemann

Christian: Jacob Matschenz

Regie: Dietrich Brüggemann | Deutschland, 2010

Länge: 112 min | FSK: ab 12 | Buch: Dietrich Brüggemann, Anna Brüggemann | Kamera: Alexander Sass | Szenenbild: Christiane Krumwiede | Musik: Milena Fessmann | Schnitt: Vincent Assmann | Produktion: Ralph Schwingel, Sabine Holtgreve, Stefan Schubert