Remember me


Handlung

In Tylor gärt die Wut; auf seinen Vater Charles, die Außenwelt, die eigene Ohnmacht. Ein tragisches Ereignis in der Vergangenheit seiner Familie hat den 21-jährigen High-School-Schüler schwer verstört zurückgelassen. Auf einer nächtlichen Tour mit seinem Mitbewohner Aidan provoziert Tylor ihre Verhaftung durch den Polizeiinspektor Neil. Dass sein Vater ihn am nächsten Morgen aus der Zelle holt, schürt Taylors Hass auf den selbstgerechten Anwalt nur. Charles wiederum verachtet Taylor für dessen Unangepasstheit. Verzweifelt versucht Tylor, Charles zur Aufmerksamkeit gegenüber seiner hochbegabten Schwester Caroline zu bewegen, doch Charles interessiert sich nicht für seine kleine Tochter. Unterdessen überredet Mitbewohner Aidan Tylor, eine Beziehung mit Neils Tochter Allie anzufangen, um den Inspektor zu erniedrigen. Doch Tylor verliebt sich in das unscheinbare Mädchen, das wie er ein düsteres Familienerlebnis nicht verarbeiten kann.

Meinung

„Was that true for everybody or was it just poetic bullshit?“ Mehr als um das Schicksal der Figuren kreist diese Frage um Allen Coulters Drama „Remember me“. Fast ironisch erscheint es, dass Drehbuchautor Will Fetters sie in seinem Debütwerk seiner Hauptfigur Tylor Hawkins stellt. Tylor ist einer jener zornigen jungen Männer, soll es zumindest sein. Zu Beginn sieht man ihn verkatert und übernächtigt mit einer Zigarette in der Hand. Rauchen, trinken und nicht nach dem Sandmännchen ins Bett gehen wirkt im prüden Amerika schon aufrührerisch. Rebel without a cause. Das soll man nicht nur der Handlung ansehen, sondern auch Pattinson, den Coulter in Jeans und weißem T-Shirt als neuen James Dean zu inszenieren versucht. Das Vorhaben ist zum Scheitern verdammt, denn gespielt wird Tylor von Teenie-Idol Robert Pattinson. Eine riskante Wahl des Regisseurs, den mit der Vampir-Romanze „Twilight“ identifizierten Jungschauspieler in einer ernsthaften Rolle zu besetzen. Doch das Wagnis zahlt sich aus, wenn nicht für „Remember me“, dann womöglich für zukünftige Filme Pattinsons und Ravines, die beide beweisen, dass sie mehr als Fernsehrollen und Kinderbuchfiguren verkörpern können.

„Remember me“ ist kein Pattinson-Film, im besten Sinne nicht. Der den Anfangszeilen des Gedichts „Remember“ von Christina Rossetti entlehnte Titel spielt auf die Erinnerung an geliebte Verstorbene an, welche echohaft zu mahnen scheinen, nicht zu vergessen. Das Vergessen bezieht sich hier weniger auf eine Person, als auf deren ungenutzte Lebenszeit. Regisseur Coulter lässt seine Figuren ihre Ängste zeigen. Fast beiläufig verrät Allies Verhalten, wie schwer der Tod ihrer Mutter sie traumatisiert hat. Nie fährt sie U-Bahn und tendiert zur Esssucht. Allies suchtartiges Verhalten spiegelt Taylors Neigung zu Gefühlsausbrüchen und Alkohol. Eine Präferenz für letzteres liegt den Filmfiguren im Blut. Taylors verstorbener Bruder Michael, Charles, Allies Vater; alle trinken. Vor diesem Hintergrund scheint es pointiert, dass Taylor sich in Allie verliebt, als sie betrunken ist. In ihrer Schwäche erkennt er seine eigene wieder, wie er sucht sie nach Selbstbetäubung. In einer prägnanten Szene arrangiert „Remember me“ Allie, Charles und Tylor beim gemeinsamen Dinner. Taylor und sein Vater spülen ihren Ärger mit Rotwein hinunter, Allie mampft. Jede der Figuren frisst die unausgesprochenen Konflikte auf ihre Weise in sich hinein.

Es sind die unscheinbaren Momente, in denen es „Remember me“ gelingt, dramatisch zu überzeugen. Die prätentiöse Schlusswendung hingegen nimmt dem Drama seine Authentizität. Als gelte es, das konforme Eltern-Kind-Konstrukt, dessen Brüchigkeit die Handlung enthüllte, wieder zu etablieren, erhebt „Remember me“ die Familie zum Idealbild, welches jedes Opfer wert sei.


Was, wenn ein Meteor sie träfe, während sie auf den Nachtisch wartet, fragt Allie Taylor zur Rechtfertigung für ihre Essgier. Coulter nahm den Scherz zu wörtlich und gedachte eines Ereignisses, welches die USA weit tiefer erschütterte als ein Meteroriteneinschlag.


„Ich mag diesen brütenden, introvertierten Mist nicht.“, kritisiert Aidan das Grübeln, zu dem der Regisseur den Hauptdarsteller zwingt. Für das überhebliche Ende findet Tylors Kumpel ähnlich passende Worte: „Ich bitte dich als Freund, deine Komplexe und nihilistische Scheiße für dich zu behalten.“ Solange „Remember me“ sich daran hält, gelingt er.

Der Schmerz der Erinnerung.

von Lida Bach



Tylor Hawkins: Robert Pattinson
Aidan: Tate Ellington
Neil: Chris Cooper
Charles Hawkins: Pierce Brosnan

Allie: Emilie de Ravin
Caroline: Ruby Jerins
Diane Hirsch: Lena Olin

Regie: Allen Coulter | USA, 2010

Länge: 122 min | FSK: ab 12 | Buch: Will Fetters, Jenny Lumet | Kamera: Jonathan Freeman | Szenenbild: Scott P. Murphy | Musik: Marcelo Zarvos | Schnitt: Andrew Mondshein | Produktion: Nick Osborne, Trevor Engelson