Raus aus Åmål
Handlung
Seitdem die sechzehnjährige Agnes mit ihrer Familie nach Åmål gezogen ist, hat sie keine Freunde mehr. In der Schule ist sie eine Außenseiterin, sie meidet das öffentliche Leben und führt in ihrem Zimmer zurückgezogen Tagebuch. Die Versuche ihrer Eltern, sie zu trösten und ihr Ratschläge zu geben, schlagen meist fehl. Ihre Klassenkameradin Elin, in die Agnes sich verliebt hat, stürzt sich dagegen ins pralle Leben. Sie liebt Partys, hat viele Freunde und schon viele Jungs geküsst. Nachdem Elin und ihre Schwester Jessica zufällig bemerken, dass Agnes lesbisch ist, geht Elin auf eine Wette ein und küsst Agnes, um sich danach über sie lustig zu machen. Doch im Nachhinein tut es ihr Leid und sie kommt noch am selben Abend zurück, um sich zu entschuldigen. Während sie durch die Nacht spazieren gehen, bemerkt auch Elin ihre Zuneigung zu Agnes. In den nächsten Tagen verdrängt sie jedoch ihre Gefühle und geht Agnes aus dem Weg. Dafür lässt sie sich auf eine Beziehung mit ihrem Schulkameraden Johan ein.
Doch bald kann sie ihre Gefühle für Agnes nicht mehr ignorieren. Bei einem Gespräch auf der Schultoilette gestehen sie sich ihre Liebe und bekennen sich vor der versammelten Schülerschaft dazu.
Meinung
Eine besondere Stärke des Films liegt darin, die Gefühle der Jugendlichen einzufangen. Das Schwanken zwischen lustigen und traurigen Stimmungen zeichnet ein realistisches Bild ihrer Welt. Der Film bekommt dadurch eine tragisch-komische Note. Gefühle sind zweifellos ein wichtiges Kriterium des Films. Agnes Verzweiflung wird in mehr als einer Szene dargestellt. Dennoch zeigt sie sich immer auf eine andere Art, sodass sie nicht überflüssig wiederholt, sondern verstärkt wird. Ihre Verzweiflung zeigt sich unter anderem nach außen, indem Agnes die behinderte Viktoria erniedrigt, nach innen, indem sie sich selbst verletzt. Ein wichtiges Mittel, die Gefühlslagen zu transportieren, ist die Musik. Nicht nur durch musikalische Themen, sondern vor allem durch Pop-Songs werden die Stimmungen untermalt. Ein Höhepunkt der Emotionen ist ein Kuss zwischen Agnes und Elin in einem Auto, mit dem sie nach Stockholm wollen, unterlegt durch „I want to know what love is“. Oft reichen kurze Szenen oder Handlungen aus, um die Gefühlslagen der Personen klarzumachen, anstatt sie in Dialogen zu erklären. So sitzt Johan nach der Trennung von Elin mit gesenktem Kopf auf einer Bank und wirft seinen Motorradhelm wütend hinter sich.
Die Schilderung des Lebens der Jugendlichen trägt bedeutend zur Stimmung des Films bei. So sind alle Dialoge lebensnah geschrieben. Obwohl oder gerade weil die meisten Jugendlichen von Laiendarstellern gespielt werden, überzeugen sie durch Natürlichkeit und einer glaubhaften Darbietung ihrer sehr unterschiedlich angelegten Rollen. Das oberflächliche Verhalten in der Gruppe steht im Gegensatz zu den intimen und ehrlichen Zweiergesprächen, wie die Unterhaltung zwischen Agnes und Elin nachts auf der Straße. Der Umgang zwischen Jungs oder Mädchen, Geschwistern oder Freunden unterscheidet sich im Verhalten der Personen. Auch bei den Zimmern der Jugendlichen wurde auf eine glaubhafte Ausstattung Wert gelegt. Dementsprechend sind sie unter anderem mit Postern behängt, die zum Geschmack der jeweiligen Jugendlichen passen.
Die Story ist stellenweise etwas einfach gestrickt. Auch wenn die Entwicklung der Handlung verständlich und flüssig ist, wirken die Stellen, an denen die Handlung vorankommen soll, mehr gewollt als natürlich. Man fragt sich, warum Johan ein Bild von Elin, das er aus einem Klassenfoto ausgeschnitten hat, ausgerechnet in seinen Geldbeutel steckt. Offensichtlich ist der Hauptgrund dafür, dass sein Freund Markus das Foto finden und sich dadurch ein Gespräch entwickeln soll. Auch als Elin und Jessica entdecken, dass Agnes lesbisch ist, geschieht das sehr schnell. So wünscht man sich, dass sich die Handlung etwas mehr Zeit gelassen und sich nicht immer den einfachsten Weg gesucht hätte, um etwas voranzutreiben. Insgesamt treffen viele Zufälle aufeinander, damit sich die Story entwickeln kann. Das Handlungsmotiv, etwas Gemeines zu tun und sich danach zu entschuldigen, kommt sehr oft vor. Elin entschuldigt sich bei Jessica, nachdem sie ihr Kakao über den Kopf geschüttet hat, bei Agnes, nachdem sie sie wegen einer Wette geküsst und bei Johan, nachdem sie mit ihm Schluss gemacht hat. Agnes entschuldigt sich bei der an den Rollstuhl gefesselten Viktoria, nachdem sie sie beschimpft hat. Jessica entschuldigt sich bei Elin, nachdem sie auf sie los gegangen ist, weil sie vermutet hat, sie hätte ihr den Freund ausgespannt. Dadurch, dass dieses Schema immer wieder vorkommt, wirkt die Handlung stellenweise konstruiert.
Beide Hauptrollen verbindet die Sehnsucht nach Ferne. Sie wollen mehr vom Leben sehen, wollen raus aus Åmål. Diese Enge wird dem Zuschauer optisch nahe gebracht. Es gibt kaum totalere Aufnahmen, von Landschaft und Umgebung wird wenig gezeigt. Nur die Personen sind wichtig. Häufig sieht man sie in Großaufnahmen, sodass man ihre aussagekräftige Mimik gut erkennen kann. Und darum geht es in diesem Film, um Empfindungen von Jugendlichen im Alltag und in besonderen Situationen. Und wie in fast allen Jugendfilmen spielt hier die Liebe eine wichtige Rolle. Nur tritt sie hier in einer ungewöhnlicheren Form auf.
Mehr als ein Jugendfilm.
Agnes: Rebecka Liljeberg
Jessica: Erica Carlson
Viktoria: Josefine Nyberg
Elin: Alexandra Dahlström
Johan: Mathias Rust
Markus: Stefan Hörberg
Regie: Lukas Moodysson | Schweden, Dänemark, 1998
Länge: 89 min | FSK: ab 12 | Buch: Lukas Moodysson | Kamera: Ulf Brantås | Szenenbild: Heidi Saikkonen, Lina Strand | Schnitt: Michal Leszczylowski, Bernhard Winkler | Musik: Per Gessle, Håkan Hellström | Produktion: Anna Anthony, Peter Aalbæk Jensen, Lars Jönsson

