Raining Stones
Handlung
Bob braucht Geld, mindestens 100 Pfund, und er braucht es schnell, denn in sechs Wochen ist die Kommunion seiner Tochter Coleen und das Mädchen hat noch immer kein Kommunionskleid. Doch Geld zu verdienen, ist nicht einfach – nicht in wirtschaftlich miserablen Zeiten wie diesen und nicht in einer trostlosen Gegend wie dem Norden Englands. Bob ist sich daher für keinen Job zu schade. Mit seinem Kumpel Tommy besorgt er sich in den Bergen ein Schaf, um es an den örtlichen Metzger zu verkaufen. Als dieser kein Interesse zeigt, gehen die beiden Freunde in einen Pub, um das Fleisch dort an den Mann zu bringen. Am Ende des Tages stehen sie da: Ohne Gewinn – und ohne Auto, denn das wurde geklaut. Bob gibt dennoch nicht auf. Er zieht als Kanalarbeiter von Tür zu Tür, doch seinen einzigen Auftrag erledigt er ehrenamtlich. Er heuert als Sicherheitskraft in einer Rave-Disco an – und wird nach einer Prügelei an seinem ersten Arbeitstag vor die Tür gesetzt. Zu guter Letzt verdingt er sich als Gartenarchitekt; den Rasen, den er verlegt, hat er kurz vorher in einem Reichenclub gestohlen. Alle Zureden seiner Frau und des wohlmeinenden Pastors können ihn nicht von seinem Ziel abbringen: Er will seiner Tochter ein Kommunionskleid kaufen – koste es, was es wolle. Um das Geld schließlich aufbringen zu können, muss Bob einen Kredit über 150 Pfund aufnehmen. Als er die Rückzahlungsraten nicht mehr berappen kann, sucht der brutale Kredithai Tansey Bobs ahnungslose Frau auf und pfändet gewaltsam deren Ehering. Bob ist schockiert und sinnt auf Rache.
Mit einem Schraubenschlüssel bewaffnet, fängt er den betrunkenen Tansey in einem Pub ab und folgt ihm zu dessen Auto. Nach einer schweren Prügelei setzt sich der Kredithai hinter das Steuer seines Wagens, rast gegen einen Pfeiler und stirbt. Bob nimmt sämtliche Unterlagen, die seine Schulden beweisen, an sich und verlässt den Unfallort. Da er sich für den Tod des Mannes verantwortlich fühlt, sucht er den Pastor auf, der schon in der Vergangenheit stets ein offenes Ohr für seine Sorgen hatte. Dieser rät Bob, nicht zur Polizei zu gehen, da Tansey kein guter Christ gewesen sei und sein Tod vielen Menschen einen ruhigen Schlaf bescheren würde. Am folgenden Tag feiert die Familie Coleens Kommunion. Das neue Kleid passt wie angegossen.
Meinung
Nordengland, Anfang der Neunziger Jahre. Die soeben zu Ende gegangene Ära Thatcher hat deutliche Spuren im Land hinterlassen: Während die Macht der Gewerkschaften gebrochen ist, erlebt der Kapitalismus eine neue Blüte. Doch von wirtschaftlicher Euphorie kann keine Rede sein: Das Vereinigte Königreich erlebte eine der schwersten Rezessionen seiner Geschichte; die „Pfundkrise“ erschütterte den Geldmarkt. Cool Britannia, New Labour und alle Verheißungen, die sich mit diesen Schlagworten verbinden, sind noch in weiter Ferne.
Ken Loach, der Englands „working class“ und ihre stillen Helden in seinen Filmen wie kein Zweiter porträtiert, ist mit „Raining Stones“ ein kleines Meisterwerk gelungen. Sein Werk überzeugt durch Einfachheit, Aufrichtigkeit und einem großen Maß an Realismus. Die Charaktere sind nicht überzeichnet, sondern besitzen einen liebenswürdigen, natürlichen Charme, der sogar ihren gelegentlichen Fäkalhumor sympathisch erscheinen lässt. Obwohl die episodische Handlung auf einen Bierdeckel passen würde, ist sie doch niemals banal oder vorhersehbar; und schon gar nicht langweilig, denn die neunzig Minuten vergehen wie im Flug – ein Umstand, der vor allem Ken Loachs ökonomischem Storytelling zu verdanken ist. Dennoch findet der Film die Zeit, den Fokus auch mal aus den Augen zu verlieren und sich scheinbaren Nebenschauplätzen zu widmen: Die Szenen, in denen Tommy Besuch von seiner Tochter bekommt, Bobs Frau Anne sich in einer Näherei bewirbt oder Bob seiner Tochter den Sinn der Kommunion zu erklären versucht, zählen zu den stärksten Momenten des Films.
„Raining Stones“ beginnt wie eine waschechte Arbeiterkomödie. Bob und sein Freund, der trottelige Tolpatsch Tommy, sind auf der Jagd nach Schafen. Doch hinter diesen humoristischen Szenen verbirgt sich die triste Wirklichkeit: das Leben am Existenzminimum. Die namenlose nordenglische Kleinstadt ist beherrscht von Arbeitslosigkeit und Schwarzarbeit. An diesem Ort, wo schon die Kinder drogenabhängig sind, üben gewaltbereite Geldeintreiber ihre brutale Tätigkeit auf offener Straße aus. Eine Frau aus der Nachbarschaft nimmt eine Überdosis Tabletten, nachdem herauskam, dass sie aus Geldnot ihren Gaszähler manipuliert hatte. Es sind Szenen der Perspektivlosigkeit und der Verzweiflung. Die meisten Menschen suchen ihr Heil im Glücksspiel oder auf dem Boden eines Bierglases. Ken Loach zeichnet auf subtile Weise ein wirklichkeitsnahes, ein ungeschöntes Bild.
Trotz der widrigen Umstände hat sich Bob ein Fünkchen Optimismus bewahrt. Er werde es schon schaffen, man solle sich nur keine Sorgen machen. Dass seine Vorstellungen häufig an blinden Idealismus grenzen, zeigt sich besonders im Vergleich zu seiner desillusionierten Frau Anne, von der man nicht genau zu sagen weiß, ob sie nun pessimistisch, realistisch oder gar fatalistisch ist. Doch ungeachtet aller Einwände bleibt Bob starrsinnig, denn er hat ein Ziel: Seine Tochter braucht ein Kommunionskleid. Aber neu müsse es sein! Schließlich solle sie sich nicht schlecht fühlen, im Vergleich mit den anderen Kindern. Ein neues Kleid sei schließlich ein Wert – zwar kein christlicher, wie der Pastor eindringlich betont, aber ein gesellschaftlicher. Und den zu erfüllen, verlangt Bobs Ehrgefühl. Fast scheint es, als spiele sein eigenes Wohlbefinden dabei eine größere Rolle als das seiner Tochter. Er braucht das Kleid, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen und sein Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten, um nicht als schlechter Vater, um nicht als Versager dazustehen.
Die Szenen, in denen Bob mit allen Mitteln versucht, an Geld zu kommen, könnte man als Loblied auf den Kampfgeist des Proletariats verstehen – auch wenn viele seiner Jobs die Grenze zur Illegalität überschreiten. Er ist ein stolzer Mensch, der nicht leichtfertig aufgibt und dem das Wohl seiner Familie über alles geht. Während der Arbeitssuche wird sein Stolz jedoch auf eine harte Probe gestellt. Er wird gedemütigt und erniedrigt, muss mit seinen bescheidenen Diensten hausieren gehen und sich beschimpfen lassen. Dass Bob und Tommy in den Pubs, in denen sie ihr Hammelfleisch verkaufen wollen, mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen, gehört zu den bitteren Pointen eines aussichtslosen Kampfes. Und dann ist auch noch der Van verschwunden. In der fragilen Welt des Arbeiters wird der Diebstahl seines Autos zur existenzbedrohenden Katastrophe. No van, no job – so einfach ist das. Bob ist machtlos, denn da er weder Steuern gezahlt noch eine Versicherung abgeschlossen hat, kann er nicht einmal zur Polizei gehen. Aber das käme für ihn wahrscheinlich sowieso nicht in Frage, denn das Vertrauen in staatliche Institutionen ist in seinen Kreisen verschwindend gering. Die denken eh alle, dass wir Säufer sind, lautet die bittere Erkenntnis. Bobs Kumpel Tommy, seit Jahren arbeitslos und als Angehöriger der Generation 50+ schwer zu vermitteln, träumt unterdessen von der Revolution. Es bereitet ihm diebische Freude, den gepflegten Rasen des Konservativen-Clubs zu plündern. Er gehört nämlich ebenfalls zu den Gedemütigten: Widerwillig muss er das Geld seiner gut verdienenden Tochter Tracey annehmen – und bricht kurz darauf in Tränen der Verzweiflung aus. Es sind Augenblicke wie dieser, die „Raining Stones“ zu einem zutiefst menschlichen Film machen. Besonders hervorzuheben sind die einfühlsamen Leistungen der Schauspieler.
Zu einer dramatischen Wendung der Handlung kommt es, als der Geldeintreiber Tansey die Szenerie betritt. Wie sich jetzt herausstellt, war Bob sogar zu stolz, seiner Frau zu gestehen, einen Kredit aufgenommen zu haben. Nun kann er die Schulden nicht mehr bezahlen. Auf einmal scheint es, als habe sich unter Bobs gefasster Oberfläche von Anfang an eine tickende Zeitbombe befunden. Sein Optimismus ist verschwunden, sein Idealismus auf eine harte Probe gestellt. Mit kaltem Blick und einer Rohrzange in der Hand macht er sich auf den Weg. Menschen, die nichts zu verlieren haben, stellen bekanntlich die größte Gefahr dar. Nach dem Unfall, bei dem Tansey ums Leben kommt, findet Bob in Pastor Barry einen unerwarteten Komplizen, der sämtliche Beweise eigenhändig vernichtet. Der Geistliche erweist sich als Pragmatiker jenseits aller katholischen Dogmatik. Vor kurzem hatte sich Bob von seinem Schwiegervater, einem Sozialisten, noch einen Vortrag halten lassen: Die Kirche sei keine Lösung, sondern ein Teil des Problems; der Glaube halte die Leute vom Denken ab. Die letzten Szenen des Films entwerfen daher auch eine alternative Vorstellung von Kirche und wahrer Seelsorge. Seinen Seelenfrieden hat Bob trotz allem nicht gefunden. Das versöhnliche Ende – letztlich taucht sogar der gestohlene Van wieder auf – sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentlichen Probleme nach wie vor vorhanden sind.
Ken Loachs Film übt keine plumpe Kapitalismuskritik, wie sie derzeit wieder groß in Mode ist. Er transportiert keine politische Botschaft und nimmt keine moralischen Wertungen vor. Dennoch ist er gerade in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, in denen Zweitjobs und Hungerlöhne für viele Menschen zum Alltag gehören, bedrückend aktuell. Er erzählt seine Geschichte mit einer gnadenlosen Wahrhaftigkeit, der sich niemand entziehen kann und die niemanden kalt lässt.
Ein berührender Film mit leisem Humor.
Bob Williams: Bruce Jones
Anne Williams: Julie Brown
Coleen Williams: Gemma Phoenix
Tracey: Geraldine Ward
Tommy: Ricky Tomlinson
Tansey: Jonathan James
Father Barry: Tom Hickey
Regie: Ken Loach | Großbritannien, 1993
Länge: 90 min | FSK: ab 12 | Buch: Jim Allen | Kamera: Barry Ackroyd | Szenenbild: Fergus Clegg | Schnitt: Jonathan Morris | Musik: Stewart Copeland | Produktion: Sally Hibbin

