Pollock
Handlung
Der arbeitslose Pollock steht am Anfang seiner künstlerischen Karriere. Auf der Suche nach einem eigenen Stil, trifft er Lee Krasner, welche ausschlaggebend für seine künstlerische Entwicklung wie auch sein psychisches Befinden sein wird. Pollock fasst mit Hilfe der Mäzene Peggy Guggenheim allmählich Fuß in der Kunstwelt und bekommt seine erste Einzelausstellung. Dank des plötzlichen Erfolges findet eine positive Entwicklung im Leben des Künstlers statt. Zusammen mit seiner Frau Lee Krasner zieht Pollock aufs Land, wo er, kreativ angeregt, die Entdeckung der Dripping-Technik macht. Nach dem Erscheinen im Life Magazine 1949 avanciert er zu einem der berühmtesten Künstler seiner Zeit.
Nach fünf Jahren steht der gealterte Pollock am Ende seiner künstlerischen Karriere. Kraftlos und desillusioniert beginnt er eine Affäre mit einer jungen Kunststudentin. Als auch seine Ehe vor dem Aus steht, setzt Pollock bei einem Autounfall nicht nur seinem eigenen Leben ein abruptes Ende.
Meinung
Für Ed Harris, der sowohl Regisseur als auch Hauptfigur des Filmes ist, war die Verfilmung des Lebens von Jackson Pollock ein persönliches Anliegen. Jahrelang hatte er sich mit der Figur des Künstlers, welcher sich selbst 1950 als „größter, lebender Maler der Vereinigten Staaten“ ansah, auseinandergesetzt. So intensiv, dass er für einen Oscar als Bester Hauptdarsteller nominiert wurde. Allerdings bekam die begehrte Trophäe letztendlich Marcia Gay Harden als Beste Hauptdarstellerin für die Figur der Lee Krasner.
Der Film "Pollock" aus dem Jahr 2000 kann in wenige Phasen von Jackson Pollocks Leben unterteilt werden. Der zentrale ´Point of view´, welcher im folgenden den Hauptstrang des Films bestimmt, liegt in "Pollock" auf der psychischen und künstlerischen Entwicklung des Künstlers. In dem filmischen Kontext wird Pollock als ein exzentrischer, psychisch labiler und doch, oder besonders dadurch, genialer und innovativer Künstler dargestellt. Der größte Teil seines Lebens scheint aus einem nicht enden wollenden Auf und Ab zwischen Alkoholmissbrauch, Abstinenz, psychischer Stabilität und psychischer Instabilität zu bestehen, wobei die ersten Phasen meistens in Zusammenhang mit den letzten beiden stehen. Der Film führt den Zuschauer ohne zusätzliche Informationen in das Jahr 1942. Zu diesem Zeitpunkt ist Pollock bereits 30 Jahre alt. Es ist nicht nötig, an dieser Stelle sein gesamtes Leben bis zum 31. Lebensjahr zu rekonstruieren. Allerdings wurde Jackson Pollock während seines Studiums von zahlreichen Kunststilen beeinflusst, welche er in späteren Jahren in seine Werke einfließen lässt. Die filmische Darstellung Pollocks kann all diese Einflüsse auf den Künstler nicht fassen und reduzierte sein Werk auf den Zeitraum von 1938 bis 1955, was bei Kennern Pollocks durchaus Verärgerung hervorrufen könnte.
Positiv hervorzuheben ist die Bemühung von Ed Harris, die Entwicklung der Gemälde für den Zuschauer nachvollziehbar darzustellen. Die Dripping-Methode gilt weithin als eine Entdeckung Jackson Pollocks. Richtig ist, dass er diese Arbeitsweise revolutioniert hat. In dem Film wird in einer einmütigen Szene dieser Wendepunkt im Leben des Künstlers einprägsam festgehalten.
Der Zuschauer sieht den Künstler in Nahaufnahme über eine am Boden liegende Leinwand gebeugt. Während eines Momentes, in dem Pollock den in Farbe getauchten Pinsel zur Leinwand führt, hinterlässt er eine Farbspur auf dem Boden, die in einer Großaufnahme gezeigt wird. Es folgt eine weitere Großaufnahme mit dem Gesicht Pollocks, der die Farblinie nachdenklich betrachtet. Dann erhellt sich sein Ausdruck und in der darauf folgenden Einstellung sehen wir ihn barfuß um die Leinwand laufen, mit einem Pinsel bedeckt er diese mit Farbspritzern und schüttet die Farbe zusätzlich aus einem Farbtopf über die entstehende Komposition. In der nächsten Szene betritt Lee Krasner den Raum und verkündet mit einem ehrfürchtigen und stolzen Gesichtsausdruck: "Das ist der große Durchbruch!".
Die gesamte Szene, von dem ersten Farbklecks bis hin zum fertigen Gemälde Full Fathom Five von 1947, ist mit einer dynamischen Musik unterlegt, die jedem Zuschauer sofort vermittelt, dass hier etwas monumentales, etwas das ganze Leben veränderndes geschieht. In der filmischen Realität wird an dieser Stelle eine Klimax in der Handlung des zweiten Drittels erreicht.
Ein weiterer Schwerpunkt im Film, wie auch im Leben Pollocks, ist die Ehe mit Lee Krasner. Auch sie ist als Künstlerin erfolgreich gewesen und Pollock, welcher in der Kunstwelt als eine Art Archetyp Mann gilt, entwickelte sich über seine Frau menschlich wie auch künstlerisch weiter. Bereits in der ersten Szene wird dem Zuschauer ein deutliches Bild eines Mannes gegeben. Pollock stolpert zusammen mit seinem Bruder betrunken die Treppen hinauf. Sofort interpretiert man in diesen wenigen Sekunden eine Vielzahl von Charakteristika in den Menschen Pollock hinein und zieht Vergleiche zu weiteren, bekannten Künstlern. Betrunken, abgebrannt, Männerfreundschaft – das stellt keinen Einzelfall in der Kunst dar und spricht für ein durchaus bekanntes Modell von Männern, besonders künstlerisch begabten, wobei hier ebenso die Literaten mit einbezogen sind. Jedoch wird in dieser Geschichte nicht die Frau vom Mann gerettet, sondern anders herum. Als Lee Krasner in Pollocks Leben tritt, muss der bis dahin selbständige Künstler erkennen, dass er Hilfe nötig hat. Dass Pollock durchaus die selben Ansichten in Bezug auf die weibliche Kunst vertritt wie viele seiner Zeitgenossen, wird in der Szene deutlich, in welcher Pollock Krasner in ihrer Wohnung besucht. Nachdem er ihre Bilder betrachtet hat, sagt er: „Für eine Frau malen Sie recht gut.“ Doch gehört Pollock zu den Männern, die, wenn auch nur zum Teil, offen sind gegenüber Neuerungen. In seinem ganzen Leben hat er zu einem ebenso großen Teil mit Frauen zusammengearbeitet wie mit Männern. Seine Beziehung zu Lee Krasner beeinflusste mit Sicherheit auch einige seiner Bildmotive.
In der vorletzten Sequenz fasst Ed Harris die Erkenntnis Pollocks, dass er sein Leben als Künstler fast nur der Unterstützung einer Person zu verdanken hat, prägnant zusammen: „Ich schulde dieser Frau [Lee Krasner] etwas.“ Diese Zerrissenheit, aus eigener Kraft Kunst schaffen zu wollen, wie es das männliche Bild verlangte und der Erkenntnis, es ohne die Hilfe einer bestimmten Frau nicht zu können, brachte Pollock letzten Endes wahrscheinlich um.
Geniales Künstlerporträt eines genialen Mannes.
Jackson Pollock: Ed Harris
Lee Krasner: Marcia Gay Harden
Peggy Guggenheim: Amy Madigan
Regie: Ed Harris | USA, 2000
Länge: 123 min | FSK: ab 12 | Buch: Barbara Turner, Susan J. Ernshwiller | Kamera: Lisa Rinzler | Schnitt: Kathryn Hirnoff | Musik: Tom Waits, Jeff Beal | Produktion: Cecilia Kate Roque, James F. Trezza, Jon Kilik, Fred Berner, Ed Harris

