Picco


Handlung

Als er noch nicht begriffen hat, widerspricht „Picco“ manchmal. Gegen die Missstände, die Unterdrückungen und Schikane im der heruntergekommenen Jugendstrafvollzugsanstalt. Dann versteht „Picco“: Er wird immer der Unterste in der Hackordnung bleiben, der Getretene, der, den seine Mithäftlinge und die Zellengenossen Marc und Andy „Picco“ nennen. Zuerst unterdrückt der 18-Jährige seine Skrupel wie sein 15-jähriger Kumpel Tommy. Bis die Skrupel einfach verschwinden.


Von nun an beteiligt er sich an den alltäglichen Grausamkeiten im Knast. „Picco“ will wieder Kevin werden, um jeden Preis. Auch zu dem seiner Menschlichkeit oder der eines Schwächeren. Jemand wie Tommy.


Meinung

Auf einer wahren Begebenheit soll Philip Kochs in Cannes in der Festivalsektion „Ouinzaine des realisateurs“ gezeigtes Kinodebüt basieren, doch das trifft in dieser Form nicht zu. Der Abschlussfilm des Münchener Regisseurs und Drehbuchautors beruht auf mehreren realen Vorfällen in deutschen Jugendgefängnissen. Tatsächlich sind es unzählige wahre Fälle. Taten, die niemand meldete und nie jemand melden wird. Weil Folter, Missbrauch und Terror nichts Außergewöhnliches sind. In Jugendstrafanstalten so wenig wie in allen anderen Gefängnissen. Einer ist immer „Picco“. Seine Zellengenossen fürchten Marc und decken ihn, weil sie ihn fürchten. Weigern sie sich, verlieren sie: ihre Wertsachen, ihre Rechte, ihre Sicherheit. Zuallererst ihre Menschenwürde. „Picco“ macht nicht mit. Kevin schon.


Kevin ist jetzt wieder Kevin. Nicht der Mensch, der er zuvor war, sondern ein inhumaner Folterknecht. Ein anerkanntes Mitglied der Gefängnisgemeinschaft, mit einem eigenen Namen, so wie alle, außer Tommy. Der ist Picco.

Dass das System der Gefängnisstrafe keinen einzigen Verbrecher bessert, ist wohl selbstverständlich. Sie "bestrafen" ihn nur und sichern die Gesellschaft vor weiteren Anschlägen des Bösewichts auf ihre Freiheit und ruhige Sicherheit. Die Erkenntnis schrieb Fjodor M. Dostojewski in „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. Solchen ähneln auch Kochs Szenen. Bilder von einem Ort, wo Mitgefühl und Skrupel abgestorben sind. „Es geht um uns selbst, als Teil einer Gesellschaft, die trainiert wurde, überall weg zu sehen, wo es weh tut.“, sagt Koch über seine Motive des Gefängnisdramas „Die Verrohung des Franz Blum“ nach dem Roman Burkhard Driests. In den grausamsten Momenten des finalen Gewaltakts, in den die Handlung unweigerlich mündet, wendet auch er sich ab und deutet an, was in der Realität eine stundenlange Tortour war. Der zu Beginn als Identifikationsfigur aufgebaute Hauptcharakter ist zum distanziert gefilmten Ebenbild seiner einstigen Peiniger geworden. Indem er nicht zwingt, die Täterperspektive mit Kevin beizubehalten und so den gleichen Wandlungsprozess wie Kevin zu durchlaufen, mindert Koch die emotionale Intensität indirekt.


Das verstörende Kammerspiel einer geschlossenen Gesellschaft enthüllt das Perfide des Strafvollzugs nicht, sondern zeigt nur darauf. Wiedereinmal. Die Bekanntheit der Thematik macht Kochs Werk nicht minder verstörend und relevant, nur noch niederschmetternder.

Die Verrohung des Kevin „Picco“.

von Lida Bach



Kevin: Constantin von Jascheroff
Marc: Frederick Lau
Andy:Martin Kiefer
Tommy: Joel Basman

Baschar: Mo Bahla
Frau Schmitt: Jule Gartzke
Hendrick: Konstantin Frolow

Regie: Philip Koch | Deutschland, 2010

Länge: 104 min | FSK: ab 16 | Buch: Philip Koch | Kamera: Markus Eckert | Szenenbild: Jan M. Jericho | Ton: Gunnar Voigt | Schnitt: Andi Bendocchi | Produktion: Philipp Worm, Tobias Walker