Nord
Handlung
Karg wie die verschneite Landschaft sieht es in Jomars Leben aus. Umnebelt von Alkohol und Psychopharmaka vegetiert er in seiner Hütte vor sich hin. Sein einziger Lebensinhalt ist der Besuch der Psychiatrie, doch selbst dort wollen ihn die Ärzte nicht mehr aufnehmen. Jomar ist so vereinsamt, dass er sogar seinen alten Konkurrenten Lasse in sein Haus lässt. Vor Jahren verließ Jomars Freundin Linnea ihn wegen Lasse. Nun erfährt Jomar von dem einstigen Rivalen, dass er, Jomar, von Linnea einen kleinen Sohn hat. Um das Kind zu besuchen, fehlt Jomar die Energie. Erst nachdem ihm der Zufall im wahrsten Sinne mit einem Brand einheizt, schwingt er sich auf sein Schneemobil und fährt los. Und so fährt ein Mann durch eine endlose, einsame Landschaft auf einem ungewöhnlichen Vehikel zu einem Verwandten. Auf seiner Reise begegnet Jomar skurrilen Gestalten.
Entweder sind es alte Menschen, die sich von den Menschen und vom Leben entfremdet haben oder Kinder, die ohne ihre Eltern aufwachsen müssen. Das Mädchen Lotte wohnt im Nirgendwo mit ihrer Großmutter. Als Schneeblindheit Jomar zum Anhalten zwingt, nimmt sie ihn bei sich auf, bis er wieder sehen kann.
Meinung
Tatsächlich ist es natürlich sein Herz, welches wieder sehen lernt. Jomar erkennt, wie allein er doch ist und Lottes Großmutter sieht das Auftauchen des Fremden als Zeichen, sie solle mit der Enkelin wieder unter Menschen ziehen. Jomar ist die Energie ausgegangen. Psychisch und elektrisch. Liegt es vielleicht daran, dass er den Stecker nicht angeschlossen hat? Jeder kennt solche Aussetzer, dachte sich der norwegische Regisseur Rune Denstad. Sein „anti-depressives Road Movie“ ist mit seinem missglückten Humor und sinnleeren Pathos so monoton wie die weiße Winterlandschaft. Verständlich, dass es einen weg treibt, wenn in der Wildnis Kerle wie Jomar vor der Tür stehen. Exemplarisch führt „Nord“ mittels seiner Nebenfiguren vor Augen, welches Schicksal Jomar und dessen Sohn erwartet, sollte Jomar nicht zu seinem Kind gelangen. Wächst sein kleiner Sohn vaterlos auf, wird er vielleicht ein panisch homophober, unterdrückt schwuler Jugendlicher wie Ulrik. Geht es nicht mehr weiter auf der Reise, kommt just einer des Weges, der Jomar hilft. Da kann die Landschaft Norwegens noch so verlassen sein. Ist niemand zugegen, steht eine Baracke mit Ofen bereit, um den Pilgernden zu wärmen. Längst hat man es erraten, Jomars Reise ist eine spirituelle Wanderung zu sich selbst. „Gute Frage.“, entgegnet Jomar, als der eigenbrötlerische Ailo fragt, wer Jomar sei. Die knappen Dialoge des Drehbuchautors Erlend Loe klingen hohl. Eine Richtung fehlt der Reise genauso wie dem Film. Der Weg ist das Ziel in „Nord“. Egal in welche Richtung er zieht, Jomar wird schon ankommen. Inhaltlich ist diese naive Botschaft ebenso unbefriedigend wie die eintönigen Charaktere. Nur einen Menschentypus scheint es in „Nord“ zu geben: Weltfremde Isolierte, die sich in der Einöde nach Kontakt sehnen.
„Nord“ sendet eine Hoffnungsbotschaft, die so trügerisch ist, wie die Klimaerwärmung als Schönwetter zu deuten. In das Nichts aus dem sie kamen, verschwinden Jomars Depressionen wieder. Ein einschneidendes Erlebnis in der Vergangenheit hatte dem Skiliftbetreiber den Elan genommen. Was damals geschehen ist, erzählt Regisseur Rune Denstad nicht. Genau scheint er es nicht zu wissen. Vielleicht verlor Denstad schlicht das Interesse an seinen Figuren, bevor sein Film zu Ende erzählt war. Verdenken kann man es ihm nicht. Es taut im verschneiten Norwegen und im vereisten Herzen der Hauptfigur. Reisetechnisch und emotional ist Jomar über den Berg.
So langatmig kann Lakonie sein.
Jomar: Anders Baasmo Christiansen
Lasse: Kyrre Hellum
Lotte: Marte Aunemo
Regie: Rune Denstad | Norwegen, 2009
Länge: 78 min | FSK: ab 6 | Buch: Erlend Loe | Kamera: Philip Ögaard | Szenenbild: Hege Pålsrud | Schnitt: Zaklina Stojcevska | Musik: Ola Kvernberg | Produktion: Brede Hocland, Sigve Endresen

