Nokan


Handlung

Ganz Unrecht hatte Daigos Vorgesetzter nicht, als er in der Zeitung eine Arbeit in einem "Reisebüro" annoncierte. Als der junge Japaner heraus findet, dass es sich um die letzte Reise handelt, den rituellen Übergang der Toten ins Jenseits, hat er die Anstellung als traditioneller Totenwäscher bereits. Daigo ist von nun an auf einer seelischen Reise, welche ihn die Auseinandersetzung mit den Toten antreten lässt. Den Hinterbliebenen lassen Verstorbene reichlich seelischen Ballst zurück, wenn sie ihre letzte Reise antreten. Die Angehörigen müssen lernen, trotz ungeklärter Konflikte mit den Toten mit ihnen Frieden zu schließen und mit den offenen oder nie gestellten Fragen an die Verstorbenen zu leben.

Meinung

Zu der Erkenntnis gelangt “Nokan“ nicht als erster Film. Um Saubermachen und Tote ging es bereits in der amerikanischen Independent-Komödie "Sunshine Cleaning". Dass seine ungewöhnliche Arbeit Daigo erst abstößt und er sie dann lieben lernt, dass sich ihm dank eines alten Weisen - in im Film sein Vorgesetzter Herr Sasaki - eine neue Einstellung zum Tod eröffnet und Daigo schließlich mit eigenen Leichen im Keller abschließen muss, überrascht ebenso wenig. Doch "Nokan" hüllt seine schlichte, aber grundlegende Botschaft in eine Geschichte von poetischer Sanftheit. Schon im Filmtitel fächert Yojiro Tataki, der für sein sensibles Werk über die "Kunst des Ausklangs" den japanischen Filmpreis erhielt, die inhaltliche Vielschichtigkeit seines Filmthemas auf. "Nokan" handelt von verschiedenen Abreisen. Die der Toten vollzieht sich rituell in Japan in der vor Familie und Trauergästen ausgeführten sorgfältigen Leichenwaschungszeremonie namens Nokan. So bedeutend die Zeremonie, welche Daigo gemeinsam mit Herrn Sasaki ausführt, als traditioneller Ritus ist, so skeptisch werden die Leichenwäscher in der Bevölkerung beäugt. Besonders auf dem Land, in dem Dorf seiner Kindheit, in welches Daigo nach einer gescheiterten Karriere als Cellist mit seiner Frau Mika zurückkehrt.

Yojiro Tataki erzählt in "Nokan" von einer Reisebegleitung besonderer Art. Das hierzulande fast unbekannte Ritual der Leichenwaschung sowie die Ablehnung der Menschen gegenüber dieser Tätigkeit, erinnert an die Verachtung gegenüber sogenannten "unehrlichen" Berufen in vergangenen Zeiten in Europa. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zählte der des Totengräbers dazu. In einfühlsamen Szenen vermittelt "Nokan" die entscheidende psychologische Funktion, welche das Waschungsritual als Abschiedsgeste für die Angehörigen hat. Oft sind es junge Menschen, welche die Leichenwäscher Daigo und Herr Sasaki herrichten müssen. Manchmal werden sie dabei unweigerlich zu Mitwissern von Familiengeheimnissen und menschlichen Tragödien. Doch "Nokan" verfällt nicht in deprimierende Schwere. Daigo wächst an seiner Tätigkeit emotional. Den gesellschaftlich tabuisierten Tod lernt er zu akzeptieren und findet zu neuer Lebensfreude. Mit kleinen humorvollen Momenten verleiht das Drama seiner gewichtigen Thematik Leichtigkeit. Sogar ihr Essen ist eine Leiche, erklärt Herr Sasaki, und teilt Kugelfisch mit Daigo. Fleisch dieses Fugu genannten Giftfisches ist tödlich, wenn man es falsch zubereitet. Korrekt zubereitet ist es eine Delikatesse. Vom Umgang mit einer delikaten Angelegenheit hängt es ab, ob sie eine fatale oder positive Wirkung hat. Den Genuss von Speisen setzt "Nokan" mehrfach symbolisch mit Lebensgenuss gleich. Zuerst verschlägt Daigo seine neue Tätigkeit den Appetit, schließlich isst er mit steigender Lust und Freude, besonders von den Speisegeschenken, welche die durch die Zeremonie bewegten Angehörigen den Totenwäschern mitgeben.


Abschied nehmen in Yojiro Tatakis tragisch-komischen Drama nicht nur Tote. Daigos Vater hat ihn als kleinen Jungen verlassen. Den Lebenden fällt es schwerer zu verzeihen als den Toten, dass sie ihre Mitmenschen zurücklassen. Wie mächtig die Ablehnung der Dorfbewohner gegenüber seiner verpönten Tätigkeit ist, bekommt Daigo immer stärker zu spüren. Sogar Mika überlegt, ihn zu verlassen.


Von den Lebenden bewusst zurück gelassen zu werden, ängstigt mehr, als sie durch den Tod zu verlieren, lernen die Figuren. Dem anrührenden Drama gelingt es mit feinsinniger Komik, dass das Waschungsritual auch für den Zuschauer immer ruhiger und schöner anzusehend ist. In dieser sich verändernden Sichtweise erschließt sich die emotionale Kraft der bewegenden Bilder. Trotz seiner fordernden Länge kann man sich der elegischen Melancholie von "Nokan – Die Kunst des Ausklangs" nicht entziehen. Währen alle Reisen so schön wie die Letzte.

Zum Sterben schön.

von Lida Bach



Daigo: Masahiro Motoki
Mika: Ryoko Hirosue

Herr Sasaki: Tsutomu Yamazaki
Yoriku: Kimiko Yo

Regie: Yojiro Tataki | Japan, 2008

Länge: 130 min | FSK: ab 12 | Buch: Kundo Kayama | Kamera: Takeshi Hamada | Szenenbild: Fumio Ogawa | Schnitt: Akimasa Kawashima | Musik: Joe Hisaishi | Produktion: Toshiaki Nakazawa