Nach der Hochzeit


Handlung

Der Däne Jacob hat in Indien ein Waisenhaus aufgebaut, in dem er sich aufopferungsvoll um die Kinder kümmert. Um sich mit einem potenziellen Geldgeber zu treffen, reist er nach Jahren zurück in die verhasste dänische Heimat, wo er auf den Geschäftsmann Jörgen trifft. Der will sich mit der Entscheidung in Bezug auf seine finanziellen Mittel noch nicht festlegen und lädt Jacob stattdessen zu der Hochzeit seiner Tochter Anna ein. Ungern kommt Jacob dieser Einladung nach. Bei der Feier erkennt er nicht nur in der Mutter der Braut Helene seine ehemalige Freundin wieder, sondern in der jungen Braut Anna auch seine eigene Tochter, von der er bis zu diesem Zeitpunkt nichts wusste. Und während er versucht, sich seiner Tochter Anna anzunähern, drängt die Zeit, in das Waisenhaus nach Indien zurückzukehren.


Doch Jörgen hat andere Pläne mit Jacob. Da Jörgen selbst tot krank ist, will er Jacob dazu bringen, in Dänemark zu bleiben und sich nach seinem Tod um seine Frau Helene, Tochter Anna und die kleinen Zwillinge zu kümmern.

Meinung

„Nach der Hochzeit“ versucht den großen skandinavischen Filmen nach zu eifern und wagt sich an die ganz großen Gefühle. Und scheitert. Regisseurin Susanne Bier arbeitet mit dokumentarischer Kamera, zeigt uns die Gesichter ihrer Darsteller in vielen Großaufnahmen und hat den Mut zu unkonventionellen Jump-Cuts, bei denen aus kontinuierlich gedrehten Einstellungen Teile herausgeschnitten werden, so dass rhythmische Bild- und Zeitsprünge entstehen. Doch auch die vielen charakterisierenden Detailaufnahmen von Augen und deren Blicke, von nervösen Fingern, liebevollen Händen reichen nicht aus, starke Gefühlswelten zu transportieren. Am meisten enttäuscht die zu überladene Geschichte mit den unglaubwürdigen Zufällen, ein reines Konstrukt, dessen Gerüst nicht gut verdeckt wurde. So spüren wir im Film bei jeder Wendung, bei jeder neuen Aktion die Hand des Autors, ärgern uns über die weither geholten Gegebenheiten. „Nach der Hochzeit“ setzt die Schwere der moralischen Konflikte zu hoch an.


So muss Jacob sich zwischen mehreren Millionen für verwaiste Kinder, seinem persönlichen Glück und dem Pflichtgefühl gegenüber seiner Tochter entscheiden.


Wirklich gelungen spielen dagegen die Darsteller gegen die fragwürdige Geschichte an, die es mit viel Gefühl schaffen, dass wir trotz der schwächelnden Wendungen immer das Interesse am Fortgang des Films bewahren. Auch können wir die Reaktionen der Charaktere nachempfinden, gerade weil die Drehbuchautoren nachvollziehbare und glaubwürdige Dialoge für die verschiedenen Situationen gefunden haben, die uns immer wieder Realität spüren lassen. Ebenfalls spannend inszeniert ist, dass uns immer wieder unterschiedliche Personen in neue Situationen führen, was einen differenzierten Blickwinkel und einen gelungenen Spannungsbogen ermöglichen. Wirklich traumhaft ist in diesem Film der Hauptdrehort: Ein altes Herrenhaus auf dem dänischen Land, in dessen Zimmern und Park man sich gerne verliert. Wer es liebt, zu den ganz großen Gefühlen zu schmachten, dem wird dieser Film bestimmt gefallen. Wer allerdings dazu noch Wert auf eine glaubwürdige Handlung legt, sollte von „Nach der Hochzeit“ nicht allzu viel erwarten.

Der Titel ist Programm.

von Tora Stern



Jacob: Mads Mikkelsen
Jörgen: Rolf Lassgård
Anna: Stine Fischer Christensen

Helene: Sidse Babett Knudsen
Zwillinge: Frederik und Kristian Gullits Ernst

Regie: Susanne Bier | Schweden, Dänemark, 2006

Länge: 119 min | FSK: ab 12 | Buch: Susanne Bier, Anders Thomas Jensen | Kamera: Stine Hein, Ole Kragh-Jacobsen, Morten Søborg, Otto Stenov | Ton: Kristian Eidnes Andersen, Eddie Simonsen | Szenenbild: Søren Skjær | Schnitt: Pernille Bech Christensen, Morten Højbjerg | Musik: Johan Söderqvist | Produktion: After the Wedding, Det Danske Filminstitut, Nordisk Film, Zentropa Entertainments