Micmacs - Uns gehört Paris!


Handlung

Tote schlafen fest. Nur nicht Bazil. Eine Schießerei stört sein allabendliches Videoritual mit John Hustons „The Big Sleep“. Den Querschläger, der Bazil ins Gehirn fährt, trägt er fortan mit sich herum. Als er aus dem Krankenhaus nach Hause zurückkehren will, gibt es kein zu Hause mehr, seine Habseligkeiten haben die Nachbarn geklaut und Bazils Anstellung in der Videothek wurde neu vergeben. Der leicht zurückgeblieben Bazil schlägt sich als Clochard durch und lernt auf der Straße den seinen sozialen Status im Namen tragenden Canaille kennen. Canaille führt ihn in das unterirdische Geheimquartier seiner Bettlerbande, zu der auch die matronenhafte Köchin Casoullette und die Schlangenfrau Mademoiselle Kautschuk, in die sich Bazil verliebt, gehören. Gemeinsam planen sie Rache an den verfeindeten Waffenhändlern Marconi und Fenouillet. Die kleinen Leute setzen an zum absurd-genialen Coup gegen die Waffenlobby.

Meinung

„Micmacs“ reimt sich auf Schnickschnack und viel mehr ist Jean-Pierre Jeunets Komödie nicht. Statt bissiger Satire mündet die groteske Komödie in Sozialkitsch. „Der große Coup der kleinen Leute“ versprach der nach langwieriger Startverschiebung geänderte Titel ursprünglich. Jener Coup findet nie statt, denn kleine Leute gibt es in „Micmacs“ nicht. Als Obdachloser lebt es sich für Bazil dank kleiner Gaunereien angenehm. In ihrem Geheimquartier, welches wie schon jenes der Widerständler in „Delikatessen“ im Untergrund liegt, haben sich die Sonderlinge mit Ramsch, Fundsachen und selbst gebauten Maschinen komfortabel eingerichtet. Ohne fühlbare Armut und soziales Leid enthüllt sich das Air der proletarischen Revolte gegen die Industriellen als Staffage. Die skurrilen Außenseiter sind keine Charaktere sondern Typen. Definiert werden sie durch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, auf Grund derer sie mehr an eine Truppe von Superhelden erinnern als an Überbleibsel des Lumpenproletariats. Dass Dany Boon und die großartige Yolande Moreau unter ihnen sind, kann die oberflächlichen Figuren nicht interessanter machen. Seine Filmwelt unterteilt Jeunet streng in Gut-Böse-Klischees. Den Waffenhändlern sieht man ihre Niedertracht von weitem an. Wer als skrupelloser Kriegstreiber auf sich hält, trichtert seinem Nachwuchs schon frühmorgens Fakten über Atombomben ein. Die Waffenhändler sitzen in hohen Bürogebäuden, die Clochards unter der Erde: Die Bösen da oben gegen die Anständigen da unten, lautet das simple Handlungsschema. Der in den Schlachtruf „Uns gehört Paris!“ geänderte Untertitel kündigt die Rückeroberung der von Profiteuren an sich gerissenen Stadt an.

Schon Bazils Vater starb durch eine alte Landmiene. Beide sind auf ihre Art Kollateralschaden. Bazils Name erinnert wohl nicht zufällig an „Brazil“. Doch an die durchdachte Satire Terry Gilliams reicht „Micmacs“ mit seinem harmlosen Klamauk nicht heran. Bei Jeunet ist alles nur Fassade, auch wenn er für diese stets ein besonderes Gespür beweist. Wir tun nur so als ob, versichert „Micmacs“ beruhigend. Der „Coup“ selbst ist nur inszeniert, damit alle etwas daraus lernen, die Bilderbuchbösewichte von der Waffenindustrie, die braven Bürger des Films, die ohne die Clochards nie geahnt hätten, dass Kriegstreiber keine Mustermenschen sind und die Zuschauer im Kino. So naiv behandelt „Micmacs“ sein ernstes Thema, dass er kindisch wirkt. Kleinbürgerliche Rachefantasien inszeniert die Komödie als kurioses Spektakel, wie die Schurken auf der Leinwand ihre Kriege, damit die Kasse klingelt – ob die der Waffenlobby oder der Kinos. Ein wenig klingt der Titel nach Bricabrac, französisch für „alter Trödel“ und Name eines Mitglieds der Bettlerbande. So bekundet Jeunet seine Sympathie für das Verschrobene, welches seinen Werken „Die Stadt der verlorenen Kinder“ und „Delikatessen“ ihren skurrilen Charme verlieh. Die überlegenen früheren Werke Jeunets ruft „Micmacs“ in trauriger Weise in Erinnerung. Eine der zahlreichen selbstgefälligen Referenzen Jeunets an sein filmisches Oeuvre verrät, dass die Helden aus „Delikatessen“ immer noch glücklich sind. Mit den alten Filmen des Regisseurs wäre es das Publikum ebenfalls, auch ohne „Micmacs“.

Filmisches Fertiggericht statt Delikatesse.

von Lida Bach



Bazil: Dany Boon
Canaille: Jean Pierre Marielle
Cassoulette: Yolande Moreau

Mademoiselle Kautschuk: Julie Ferrier
Marconi: Nicolas Marie
Fenouillet: Andre Dussolier

Regie: Jean-Pierre Jeunet | Frankreich, 2009

Länge: 104 min | FSK: ab 6 | Buch: Guillaume Laurant | Kamera: Tetsuo Nagata | Szenenbild: Aline Bonetto | Schnitt: Hervé Schneid | Produktion: Frederic Brillon, Gilles Legrand