Me too - Wer will schon normal sein?


Handlung

„Ich bin von Kopf bis Fuß Down-Syndrom.“, weiß Daniel. Und er ist von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Mit der Behinderung hat der Absolvent eines Universitätsstudiums, der in einem Integrationszentrum arbeitet, umzugehen gelernt. Mit seinen amourösen Gefühlen ist es schwieriger. So selbstverständlich wie Daniels geistige Behinderung für sein Umfeld ist, so selbstverständlich schließen seine Mitmenschen aus, dass er sich eine Beziehung wünscht - von Sex ganz zu schweigen. Besonders aufregend findet Daniel seine für wilde Kurzaffären berüchtigte Kollegin Laura. Lauras Temperament und Daniels Lebensfreude machen beide schnell zu Freunden. Doch dass beide mehr als kameradschaftliche Zuneigung spüren, ist weder für ihr Umfeld noch für Laura leicht zu verkraften.


In einer wilden Nacht lassen sie dennoch ihre eigenen Vorurteile und die der Gesellschaft fallen, nebenbei auch ihre Hemmungen. Daniel ist glücklich, doch auf die Liebesnacht folgt ein böses Erwachen. Laura glaubt nicht an wahre Liebe und das Verhältnis beider stößt zunehmend auf Missbilligung. Daniel ist entschlossen, für seine Gefühle zu kämpfen. Sagte nicht Laura: Ich hasse Regeln?


Meinung

„Welche halbwegs normale Frau würde sich für einen Jungen wie dich interessieren?“ Ausgerechnet Daniels Mutter, die ihn stets gefördert hat, äußert die Worte und bringt die Kernthematik von „Me too“ auf den Punkt. Diskriminierung hat viele Facetten, am hässlichsten oft bei denen, die sich von ihr frei glauben. Für sein Umfeld bleibt Daniel ein Kind, das vor Sexualität geschützt werden muss. Dabei ergreift der 34-Jährige, der ein sehr konkretes Bild von Sex hat, selbst die Initiative dazu. Das für Andere selbstverständliche Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wird ihm und den geistig Behinderten, mit denen seine Arbeit Daniel zusammenführt, schlicht aberkannt. Während auf beruflicher und sozialer Ebene Daniels Engagement für Gleichberichtigung respektiert wird, wird seine Sexualität verleugnet. Sagt Daniels sonst verständnisvoller Bruder Santi, Behinderte müssten eben masturbieren, reduziert er deren Gefühle auf eine Triebebene. Dabei sind es die sogenannten Normalen des Films, welche Laura nur zur physischen Befriedigung wollen.

Das spanische Regie-Duo Alvaro Pastor und Antonio Naharro unterstreicht seine Kritik an als Fürsorge getarnt Intoleranz in einer Nebenhandlung um ein junges Liebespaar mit Down-Syndrom. Die Mutter der Frau lässt ihr „kleines Mädchen“ schließlich polizeilich vor der vermeintlichen Gefahr einer Romanze schützen. Effektiver als die unnötige Doppelung der Problematik ist der tragisch-komische „Me too“, wenn er sarkastisch verkappte Vorurteile und geheucheltes Mitgefühl der sogenannten Normalen gegenüber Daniel vor Augen führt. Die hervorragenden Hauptdarsteller verleihen der Handlung trotz dramaturgischer Schwächen Authentizität. Dass sie „authentisch“ ist, zieht auch Daniel zu der leicht vulgären Laura. Bei ihr fühle er sich normal. „Wer will schon normal sein?“, stellt sie die ungelenk vom deutschen Verleih als Untertitel aufgegriffene Frage. In Wahrheit treibt Laura, die mit ihrem ungekünstelten Verhalten oft aneckt, insgeheim eine ähnliche Sehnsucht nach dem Gefühl, normal zu sein, zu Daniel. Er begegnet ihr mit der Akzeptanz, die sie zuvor vergeblich sucht.


Dass sie vor ihm flieht wie vor anderen potentiellen männlichen Partnern, ist ein trauriger Ausgang für Daniel, doch einer, der Raum für Hoffnung lässt. Nicht vor Daniels Behinderung, sondern vor den Schatten ihrer Vergangenheit läuft Laura davon. Daniel bleibt die Gewissheit, dass er eine Partnerin finden kann, auch, wenn es nicht Laura ist. Hier verläuft sich die anfangs so temporeiche Komödie in Längen, wenn neben Lauras traumatischer Familiengeschichte noch eine übereilte Aussöhnung durchexerziert werden muss. Doch Handicaps, beweist „Me too“, machen nicht weniger sympathisch. Manchmal sogar etwas mehr.


Liebenswert trotz kleiner Macken.

von Lida Bach



Daniel: Pablo Pineda
Laura: Lola Duenas
Mutter: Isabel Garcia Lorca

Santi: Antonio Naharro
Luisa: Lourdes Naharro
Pedro: Daniel Parejo

Regie: Alvaro Pastor | Spanien, 2009

Länge: 103 min | FSK: o.A. | Buch: Alvaro Pastor, Antonio Naharro | Kamera: Alfonso Postigo | Musik: Guille Milkyway | Schnitt: Nino Martinez Sosa | Produktion: Manuel Gomez Cradena, Julio Medem, Koldo Zuazua