Martyrs


Handlung

Irgendwo in Frankreich – ein junges, brutal zugerichtetes Mädchen flüchtet von einem Fabrikgelände. Die Polizei kann das Mädchen schließlich auflesen und als die seit einem Jahr vermisste Lucie identifizieren. Am Ort des Verbrechens finden sich Folterwerkzeuge, aber Lucie kann sich weder an ihre Peiniger, noch an ihre grausame Misshandlung erinnern. Im Waisenhaus findet allein die gleichaltrige Anna Zugang zu der völlig traumatisierten Lucie. 15 Jahre später – ein beschauliches Einfamilienhaus in der Provénce, eine ganz normale Familie, das Gesprächsthema sind die schlechten Noten und die neue Freundin vom pubertierenden Filius. Es klingelt, die mittlerweile erwachsene Lucie steht mit einer Schrotflinte vor der Tür und macht kurzen Prozess, denn sie glaubt, in der bürgerlichen Kleinfamilie ihre Peiniger von vor 15 Jahren wieder zu erkennen. Anna, die im Auto warten sollte, kann nicht fassen, warum ihre Freundin ein so verheerenden Blutbad angerichtet hat. Kann sie auf die Zurechnungsfähigkeit ihrer Freundin bauen, die gerade eine Familie mit zwei Kindern kaltblütig ermordet hat?

Meinung

Der Film ist eine Antwort auf die Fragen, die das Genre des Horrorfilms an seine Kunst und an seinen Zuschauer stellt: Was darf man zeigen? Gibt es Grenzen des Darstellbaren und wo liegen diese Grenzen? Die "Bist du bereit"-Frage ist der inflationär gebrauchte Aufhänger, der mittlerweile so gut wie jeden Horrorfilm neuen Fabrikats anhängt. Pascal Laugiers Interpretation des nach eigener Aussage "freiesten aller Genres" hat es nicht nötig, sich in eine Reihe sich überbietenden Metzelorgien seit Eli Roths "Hostel", der "Saw"-Reihe und der damit verbundenen Dynamik der Steigerung, seien es Perfidie oder Blutzoll, stellen zu müssen. "Martyrs" ist der Film, der "Inside" und "Frontiers" nicht waren, an dessen Ende die Frage steht: Was ist danach noch möglich? Die eindringliche Warnung ohne subtil an eine "Hartgesottenheit" des Zuschauers zu appellieren, die angebliche Voraussetzung für den Konsum dieses Filmes sein soll - so, wie auch selbstverständlich die Volljährigkeit – und dabei doch nur das Interesse des Zuschauers wecken will: "Martyrs" lässt sich nicht mit den Worten beschreiben, mit denen "Saw" oder "Hostel" zu beschreiben waren; wenn diese Worte diesen Filmen angemessen sein sollen, dann braucht es neue Begriffe für "Martyrs", oder man sollte einen Gedanken daran verschwenden, was es heißt, "das Unbeschreibliche zu beschreiben".

Aber ohne den Rückgriff auf metaphysische Kategorien: Der Film meint es ernst. In keiner Szene wird der Zuschauer geschont. Wenn man sich auf dieses radikale Experiment einlassen will, dann sollte man auch jegliche Vorwegnahme des Inhalts als "Schonung" und Vorgriff auf das betrachten, was unerwartet sein wird. Unabhängig von der radikalen Konsequenz des Filmes scheinen einige Aspekte auf den ersten Blick nicht neu, wie etwa das Einfallen des Grauens in die alltägliche, idyllische Familienwelt bei "Funny Games". Nur sind die Rollen in dem Fall umgekehrt – das Familienidyll entpuppt sich als der Ort der Durchführung und des Hergangs des Unsagbaren. Laugier dreht eines der klassischen Motive des Horrorfilms einfach um, welches Haneke mit "Funny Games" schon auf eine selbstreferenzielle Ebene gebracht hat.


Die Täter sind keine sadistischen Killer, keine marodierenden Psychopathen, sondern der Konvent der Drahtzieher oder Anhänger am Ende des Filmes, deren mörderische Praxis eher auf einen obskuren Sektenkult schließen lassen würde, könnten auch Sonntagskirchengänger sein. Sie warten auf die Verheißung einer Art "göttlichen" Botschaft aus den Erkenntnissen ihrer Prophetin, die ihre Weissagung über das Leben nach dem Tod aus ihrem Märtyrerkult erkennen will.


Laugier hat das geschafft, was "Hostel" nicht geschafft hat: Er macht das Martyrium seiner Protagonisten zum Martyrium seiner Zuschauer. Jede Verletzung, die Lucie sich selbst zufügt, die in ihrer Kindheit so gemarterte Lucie, scheint unmittelbar physisch auf den Zuschauer zu wirken. Das ist nicht so einfach zu beschreiben, schließlich ist sich der Zuschauer über die Motive und über die Zurechnungsfähigkeit von Lucie im Unklaren; auch ist unklar, wer oder was Lucie ohne ihr vor 15 Jahren erlittenes Martyrium für eine Person ist. Scheinbar scheint ihr ganzes Leben seit vor 15 Jahren sich auf dieses Ereignis zu beziehen und scheinbar gibt es in ihrem Leben auch nur Anna als Geliebte und einzige Bezugsperson. Es ist vielmehr ihre Rolle als "Opfer" selbst, die Lucie so transparent macht, eben weil sich ihre Persönlichkeit einzig auf den Hintergrund ihres Opferseins bezieht. Anna wird dagegen während des Films in ihrer Beziehung zu Lucie transparent. Sie wird durch Lucie in den Sog des unsagbaren Grauens hineingezogen und am Ende selbst zum Opfer: Sie muss am Ende das Martyrium durchleiden, welches bei Lucie nur in gelegentlichen Rückblenden erfahrbar war.

"Martyrs" ist ein Film, der es sich selbst zu verdanken hat, dass er keineswegs übergangen werden kann, wenn die Filmwelt es denn ernst meint, wenn sie einen Horrorfilm nach "Martyrs" produzieren will.

Unsagbar grausamer Seelenmarter.

von Niklas Anzinger



Lucie (jung): Jessie Pham
Lucie: Mylène Jampanoï
Anna (jung): Erika Scott

Anna: Morjana Alaoui
Mademoiselle: Catherine Bégin
Antoine: Xavier Dolan-Tadros

Regie: Pascal Laugier | Frankreich, Kanada, 2008

Länge: 97 min | FSK: ab 18 | Buch: Pascal Laugier | Kamera: Stéphane Martin & Nathalie Moliavko-Visotzky | Szenenbild: Jean-Andre Carriere | Schnitt: Sébastien Prangère | Produktion: Eskwad, Wild Bunch, Canal+, Canal Horizons, Ciné Cinémas, TCB Film