Männer al dente
Handlung
Den Cantones bleiben fast die Nudeln im Hals stecken: Antonio, der jüngste Spross der italienischen Pasta-Fabrikanten, enthüllt beim Festessen seine Homosexualität. Seinem Vater Vincenzo, Oberhaupt der Familie und des Betriebs, bleibt vor Schreck das Herz stehen. Als er im Krankenhaus wieder zu sich kommt, erklärt er, statt Antonio solle dessen Bruder Tommaso das Pasta-Imperium weiterführen. Für Tommaso ist die überraschende Berufung zum Nachfolger in doppelten Sinne zu viel der Ehre. Nicht nur seine schriftstellerischen Ambitionen sieht er verhindert, auch sein eigenes Outing. Denn weder die trinkende Tante Luciana noch seine heimlich in ihn verliebte Geschäftspartnerin Patrizia ahnen, dass Tommaso ebenfalls schwul ist. Einzig Antonio kennt das Geheimnis des Bruders.
Tommaso muss sich zwischen seinen Lebensplänen und der Familientradition entscheiden. Doch bei einem guten Essen verzeihen auch die Cantones fast allen. Sogar den eigenen Verwandten.
Meinung
Lässt ein Verwandter eine familiäre Bombe hochgehen, kann deren Erschütterung auch befreiend wirken. So zeigt es Ferzan Ozpetek, der sich bereits in seinen erfolgreichen Komödien „Hamam – Das türkische Bad“ und „Die Ahnungslosen“ mit den Heimlichkeiten hinter heiler Fassade auseinandersetzte. In „Männer al dente“ wirft der türkische Regisseur erneut einen komödiantischen Blick auf die Auswirkungen persönlicher Geständnisse auf die familiäre Struktur. Die Cantones sollen Spiegelbild der Gesellschaft sein. An ihnen gemessen lauert in letzterer überall Unaufrichtigkei, Tradition und Selbstverwirklichung sind schwer zu vereinbaren und jeder trägt Geheimnisse mit sich herum, manche offen, andere sorgsam gehütet. Nun ist diese Erkenntnis weder neu noch sonderlich tiefgründig und andere haben sie humorvoller serviert als es Ozpetek gelingt. Sowohl dem Humor als auch dem analytischen Blick der Komödie fehlt die Schärfe. Ohne die Doppelbödigkeit eines Pedro Almodóvar, der seine Melodramtik mit Ironie würzt, erinnern die amourösen Heimlichkeiten und Verwicklungen an eine Telenovela.
Die unfreiwillig komische Larmoyanz können gute Darsteller wie Ilaria Occhini nicht kaschieren: „Früher verpackte ich die Pasta“, erzählt sie als eine im Liebesleid geprüfte Großmutter, „und fragte mich: Wo landet sie? Wer isst sie?“. Mehr als nach anspruchsvollem Kino klingt das nach der Sendung mit der Maus, wo ähnliche Fragen geklärt wurden: Wie kommt die Schraubendrehung in die Fusilli, wie die Löcher in die Makkaroni? Und wie das klaffende Loch an das Ende des Drehbuchs? So zaghaft trägt „Männer al dente“ seinen sanften Tadel vor, dass von Gesellschaftskritik nicht die Rede sein kann. Zur intelligenten Satire fehlt es an Biss und nach fast zwei Stunden Laufzeit sind auch die Zuschauer weich gekocht. Zum Anbeißen sind auch Tommasos überraschend anreisende schwule Freunde nicht. Hieß es zuvor noch, Homosexualität sei nicht äußerlich sichtbar, widerlegt das stereotype Homo-Quartett dies im Film mit seiner Affektiertheit. So plötzlich, wie sie in die Handlung schneien, verschwindet das zur komischen Auflockerung eingesetzte Ensemble wieder. Die Inszenierung tritt nicht nur hier auf eine der im italienischen Originaltitel zitierten „Tretminen“. An gesellschaftskritischer Sprengkraft mangelt es.
Das doppelte Coming-Out zweier Brüder, eine alte Frau gesteht, dass sie den Bruder ihres Ehemanns liebte und eine verheiratete Mutter emanzipiert sich minimal vom Hausfrauendasein. Skandalöser als die Enthüllungen ist, dass sie im Filmkontext als schockierend dargestellt werden. Was könne schon passieren, fragt in einer Szene selbst Marco seinen Bruder: Sie seien im Jahr 2000. Dass der örtliche Klatsch größtenteils als Einbildung der Familienmitglieder dargestellt wird, nimmt auch den äußeren Druck von den Charakteren. Der Selbstmord der diabetischen Großmutter, die sich in ein süßes Jenseits nascht und der Alkoholgenuss der vereinsamten Luciana setzen einsame Glanzpunkte in der enttäuschend belanglosen Geschichte. Schweigen sei schwerer als offen reden, heißt es einmal. „Männer al dente“ merkt man das schmerzlich an. Zwiespältig wirkt besonders die abschließende Moral, gute Mine zum bösen Spiel zu machen: Das allerwichtigste sei, zu lächeln, wenn man sterben möchte. Wenn das Sterben vor Langeweile droht, ließe sich auch über „Männer al dente“ lächeln.
Lauwarmes in der Gerüchteküche.
Antonio: Alessandro Preziosi
Tommaso: Riccardo Scamazio
Alba: Nicole Grimaudo
Luciana: Elena Sofia Ricci
Regie: Ferzan Ozpetek | Italien, 2010
Länge: 116 min | FSK: ab 12 | Buch: Ivan Cotroneo, Ferzan Ozpetek | Kamera: Maurizio Calvesi | Musik: Pasquale Catalano | Schnitt: Patrizio Marone | Produktion: Domenici Procacci

