Lourdes


Handlung

Der Heiligenschein der Jungfrau Maria ist aus Neonglas. Nicht trödeln in den Grotten, Andere wollen auch den Fels berühren. Wer einen guten Platz in den Bädern ergattert, hat Glück gehabt. Die Pilgerreise nach Lourdes ist Pauschalurlaub für Erlösungssuchende, für die es keine Erlösung gibt. Manche sind streng religiös, Andere klammern sich an das Wunder nur, wie man verzweifelt auf einen Glücksbringer hofft. In Lourdes kann man Heiligenfigurinen in Souvenirläden kaufen. Der beste Pilger gewinnt so eine zum Reiseende.

Es soll ja auch helfen, wenn man nicht daran glaubt. Und so ist die gelähmte Christine angereist, um “raus zu kommen”. Raus aus dem Alltag eines Lebens, welches ohne sie abläuft, tief innerlich auch raus aus ihrem Körper, der zum Gefängnis geworden ist. Ihre junge Pflegeschwester Maria ekelt sich davor, die Gelähmte zu umsorgen. Nur die alte Madame Hartl umsorgt Christine und betet stumm - jedoch für etwas Anderes als die übrigen Pilger.


Eines Morgens kann Christine tatsächlich aufstehen. Doch in Lourdes ist Gott wankelmütig.


Meinung

Ebenso unbeständig sind die Menschen. Mit Neid und Bewunderung betrachten die Mitreisenden Genesene. “Lourdes” enthüllt darin eine bizarre Komik. Wer würde nicht einmal gern Applaus dafür kriegen, einen Eisbecher zu essen? Der Pilgerpreis wird Christine nach dem bitteren Ende von “Lourdes” wohl wieder aberkannt werden. Göttliche Gnade ist in “Lourdes” eine begrenzte Ressource. Die Heilkraft reicht nicht für alle. Wird sie einem Bittsteller gespendet, muss sie Anderen genommen werden. Halb unterbewusst wissen die Betenden um diese Einschränkung. Ihre Anerkennung angesichts einer Genesung wandelt sich unwillkürlich in Missgunst. Es ist eine Missgunst ohne Hass, ohne Böswilligkeit. Hinter ihr verbirgt sich der Wunsch, selbst zu gesunden. Eifrig suchen die Pilger nach dem richtigen Maß im Beten. Zu viel ist auch nicht gut, wenig bedeutet Unfrömmigkeit, ein Mangel an Dankbarkeit, Unwürdigkeit. In “Lourdes” sind alle Konkurrenten. Lässt die Besserung bei einem Gast nach, wandelt sich der Neid wieder in Mitgefühl. Gottes Gnade enthüllt Jessica Hausner in ihrer unbarmherzigen Tragödie als Fluch. Wütend starrt auf Christine eine Mutter, deren Tochter nach kurzem Bewusstsein wieder in Katatonie verfallen ist. “Warum ein Anderer und nicht ich?”, spricht Christine einmal den Gedanken aller aus.


Bei der Entgegennahme des Pilgerpreises heuchelt Christine keine Demut. Das Wunder habe sie verdient, denn jenes Wunder ist Laufen, selbstständig Essen, eine Arbeit beginnen zu können.


“'Lourdes' ist ein Alptraum.”, sagt Drehbuchautorin und Regisseurin Jessica Hauser. Ihr Drama über vergebliche Hoffnung und Wunderglaube aus Verzweiflung ist angesiedelt im Zwielicht zwischen Realismus und Horror. Sylvie Testud verkörpert in einer Darstellung, die unter die Haut geht, die scheinbar durch ein göttliches Wunder geheilte Christine. Als ein Kollege deren Pflegeschwester Maria hilft, Christine im Rollstuhl zu schieben, nennt er es scherzhaft für “seine Sünden büßen”. Christine ist eine Last, der Umgang mit ihr wird als Strafe empfunden. Grausam wahr sind solche Szenen, doch “Lourdes verurteilt nicht. Die Allgegenwart von Krankheit und Leid ist Maria unerträglich. Auch sie möchte ihr Leben genießen. Maria kann es, die Kranken nicht. Hoffnung, welche die Pilger in Scharen nach “Lourdes” treibt, verwehrt Hausner dem Publikum. Die Leidenden betrügen sich selbst mit ihrer Hoffnung auf Wunder. Für das Seelenheil bete man, betont der Priester. Kein Kirchenvertreter stachelt den Glaubenseifer an. Die Unbeständigkeit der Heilungen hat sie ernüchtert. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. “Lourdes” ist ein grausames Märchen über psychische Abgründe dort, wo die Menschen Gott am nächsten zu sein versuchen. Ein fordernder Film in seinen bewusst in die Länge gezogenen Szenen. Das quälende Warten wird fast physisch spürbar. Seine sachliche Kühle verzichtet auf anbiedernde Versöhnlichkeit. “Ist Gott gut oder allmächtig?”, fragt ein Pfleger den Priester. Jessica Hausner variiert eine Erkenntnis De Sades über Religion. Gott, würde er existieren, wäre entweder machtlos oder ein Sadist. In “Lourdes” ist er zweifellos ein Sadist. Der Film hinterfragt die Motivation religiösen Glaubens und den Umgang mit seiner Vergeblichkeit. Die Pilger in “Lourdes” verleugnen diese Vergeblichkeit. Man sieht sich auf der nächsten Pilgerfahrt.

Wunder gibt es immer wieder.

von Lida Bach



Christine: Sylvie Testud
Frau Hartl: Gilette Barbier

Bernie: Léa Seydoux
Pater: Gerhard Liebman

Regie: Jessica Hausner | Frankreich, Deutschland, 2009

Länge: 99 min | FSK: ab 12 | Buch: Jessica Hausner | Kamera: Martin Gschlachrt | Szenenbild: Katharina Wöppermann | Schnitt: Karina Ressler | Produktion: Susanne Marian, Martin Gschlacht