Lost in Translation
Handlung
Bob Harris, ein amerikanischer Schauspieler etwas über 50, reist für Werbeaufnahmen nach Tokio. Eines Abends lernt er an der Bar seines Luxushotels die junge Amerikanerin Charlotte kennen. Sie begleitet ihren Mann, einen aufstrebenden Szene-Fotografen, der Aufträge in der Stadt hat. Nach mehreren mehr oder weniger zufälligen Begegnungen im Hotel, verabreden sich Bob und Charlotte an einem Wochenende, an dem ihr Mann für Fotoaufnahmen verreist ist. Gemeinsam ziehen sie die nächsten Tage durch ein aufregendes, turbulentes, manchmal quietschbuntes Tokio, sie trinken Sake, essen Sushi, treffen auf hippe junge Japaner und singen Karaoke. Dabei lernen sie nicht nur die Metropole, sondern auch einander besser kennen. Es entsteht eine anrührende, intensive Freundschaft zwischen den beiden in der Ferne Gestrandeten.
Als Bob sich bei seiner Abreise von Charlotte verabschiedet, flüstert er ihr etwas ins Ohr, was nicht zu verstehen ist, küsst sie sanft und setzt sich zufrieden in seine Limousine, die ihn zum Flughafen bringt.
Meinung
Der Plot von "Lost in Translation" passt zwar auf eine Briefmarke, doch Filme bestehen nicht nur aus Handlung. Stille und schrille Beobachtungen sowie melancholische Stimmungen, das sind die bestimmenden Faktoren in Sofia Coppolas Oscar-nominierter Regiearbeit. Die Tochter des berühmten Regisseurs Francis Ford Coppola vermittelt in ihrem zweiten Spielfilm dem Zuschauer einen Kontrast, auf den man sich einlassen muss, um den Film zu mögen. Es ist der Kontrast zwischen hektischem Treiben und der stillen Einsamkeit der beiden Hauptcharaktere Bob und Charlotte. Die beiden befinden sich in einer Krise, Bob in der Midlife-Crises und Charlotte in der Startlife-Crises, und sie werden ausgerechnet in der pulsierenden japanischen Hauptstadt damit konfrontiert.
Die Bilder, die Sofia Coppola findet, sind mal poetisch, mal skurril. Während in einer Szene die Kunst des Ikebana, die japanische Blumenstecktechnik, zelebriert wird, sieht man in der darauf folgenden einen schwitzenden Bob auf einem modernen Trainingslaufgerät im Fitnessstudio des Hotels, deren einprogrammiertes rasantes Tempo ihn völlig überfordert. Oft haben die Bilder auch eine traumartige Dimension, zum Beispiel als Charlotte in ihrem Hotelzimmer am Panoramafenster sitzt und sich unter ihr die Weite Tokios erstreckt.
Die Stadt ist quasi die dritte Hauptfigur. Was uns von ihr gezeigt wird, kennt man aus Reisemagazinen – blinkende Neonleuchtreklamen, überfüllte U-Bahnen, die Kakophonie piepender Automaten in Spielarkaden und im Fernsehen laufen TV-Shows, die immer etwas kurioser, bunter und lauter sind, als das westliche Aug' und Ohr gewohnt. Aber auch die andere Seite bekommt man zu sehen. Charlotte besucht einen buddhistischen Tempel und Bob spielt am Fuße des mächtigen Fujiyamas eine Partie Golf. Yin und Yang – die Metropole offenbart einem alles.
Neben einer außergewöhnlich schönen Optik bietet "Lost in Translation" dem Zuschauer auch einen eleganten Humor. Manchmal schießt die Komik vielleicht über das Ziel hinaus, wie in der Szene, in der Bob in seinem Hotelzimmer unverhofften Besuch von einer japanischen Amüsierdame bekommt, die ihn dazu animiert, ihr die Strümpfe von den Beinen zu „lupfen“ (rupfen). Doch meist trifft "Lost in Translation" den richtigen Ton. Seine besonders komischen Momente entfaltet der Film dann, wenn Bob Japanern begegnet, deren Sprache und Kultur er nicht versteht. Eine Begebenheit im Warteraum eines Krankenhauses, in der er versucht, mit einem alten japanischen Mann zu kommunizieren, während hinter den beiden zwei Frauen sie feixend belauschen, ist wahnsinnig komisch und zugleich authentisch. Das liegt wohl daran, dass es sich bei den Frauen anscheinend nicht um Schauspielerinnen handelt, sondern um Statistinnen, die sich einfach nur köstlich darüber amüsieren, wie Bill Murray versucht, den alten Mann zu verstehen. Dass Coppola die Szene nicht herausgeschnitten hat, spricht für sie. Die authentischen, von der Kamera „gestohlenen“ Realitätsmomente, auch im Hotel und auf den Straßen, geben dem Film eine Art dokumentarischen Charakter und verbinden die fiktive Filmhandlung mit den Skurrilitäten der Wirklichkeit.
Dass die Begegnungen zwischen Bob und der japanischen Kultur nicht platt oder gar beleidigend wirken, liegt an dem Schauspiel von Bill Murray. Der Vollblutkomiker nimmt sich in seiner Rolle stark zurück und liefert seine bis dahin beste darstellerische Leistung, die 2004 mit einem Golden Globe belohnt wurde. Auch Scarlett Johansson überzeugt. Scheinbar mühelos gibt die damals gerade 19-jährige schöne Johansson eine verheiratete Mittzwanzigerin, die noch nicht richtig im Leben angekommen ist.
Das viel diskutierte Ende des Films ist stark. Jeder kann sich selbst seinen Reim auf die letzte Szene machen und die Sprechblase über Bobs Kopf nach seinem Geschmack füllen. Hat er Charlotte gesagt, dass er sie unbedingt wiedersehen möchte? Oder ihr seine Telefonnummer gegeben? Man wird es wohl nie erfahren. Das offene Ende ist ein stimmiger Schlussakkord, der den beiden Hauptfiguren eine Intimität zusichert, die sie sich im Laufe des Films verdient haben, und er klingt noch lange nach, auch wenn die letzten Namen des Abspanns längst vorbeigezogen sind.
Big in Japan.
Bob Harris: Bill Murray
Charlotte: Scarlett Johansson
Charlottes Mann: Giovanni Ribisi
Junges Starlet: Anna Faris
Regie: Sofia Coppola | USA, Japan, 2003
Länge: 102 min | FSK: ab 6 | Buch: Sofia Coppola | Kamera: Lance Acord | Schnitt: Sarah Flack | Musik: Kevin Shields | Produktion: Focus Features, Tohokashinsha Film Company Ltd., American Zoetrope, Elemental Films, Francis Ford Coppola

