Lost in La Mancha


Handlung

Der Dokumentarfilm "Lost in La Mancha" begleitet den Regisseur Terry Gilliam und seine Crew während der Produktion von "The Man Who Killed Don Quixote". Das Filmteam befindet sich zu Beginn der Dokumentation inmitten der finalen Produktionsvorbereitungen. Kostüme werden geschneidert, Sets werden gebaut und die letzten Absprachen für den Dreh getroffen. Nach Location-Besichtigungen und unterhaltsamen Probeaufnahmen mit „Riesen“, treffen schließlich die Hauptdarsteller im spanischen Drehort ein und die Filmarbeit kann beginnen.

Doch das Projekt steht unter keinem guten Stern. „It´s got a lot of potential of chaos“, scherzt der nichtsahnende Gilliam noch wenige Tage vor Drehbeginn und sollte damit recht behalten. Neben einem finanziellen Cutback und einer miserablen Tonbühne für die Innenaufnahmen sind es vor allem höhere Mächte, die an der Produktion rütteln. Am zweiten Drehtag wird nach heftigem Regen das komplette Set überflutet. Requisiten und Teile der Filmausrüstung sind ruiniert und aus Gilliams idealer Kulisse ist eine hässliche Matschlandschaft geworden. Kurz darauf folgt die nächste Hiobsbotschaft. Bei Gilliams Traumbesetzung für Don Quixote, dem französischen Charakterdarsteller Jean Rochefort, wird eine Rückenverletzung festgestellt, die ihn für mehrere Tage ausfallen lässt. Seine Ärzte versichern der Filmproduktion zwar, dass Rochefort bald wieder vor der Kamera stehen kann, jedoch auf einem Pferd kann er in dieser körperlichen Verfassung nicht sitzen. Für einen Quixote, der auf seiner Rosinante forsch durch die Mancha reiten muss, ist das eher suboptimal.


Und so fasst ein vom Schicksal geschlagener Gilliam zwei Wochen nach Drehbeginn den nicht leichten Entschluss, das Projekt abzubrechen und vorerst auf Eis zu legen – wo es dann weitere zehn Jahre liegen sollte.

Meinung

Terry Gilliam zählt nicht zu den vom Glück verwöhnten Regisseuren. Bereits bei seinen Produktionen zu "Brazil" und "Der Baron von Münchhausen" musste er gegen widrige Umstände kämpfen. Und während der Dreharbeiten zu seinem letzten Film "Das Kabinett des Dr. Parnassus" verstarb überraschend sein Hauptdarsteller Heath Ledger. In diese Reihe pechbehafteter Projekte reiht sich das Desaster von "The Man Who Killed Don Quixote" ein - ein Film, der nie in die Kinos kam.

Cervantes Antiheld Don Quixote, so wird uns am Anfang des Films berichtet, war ein Mann, der alles um sich herum wie ein Kind sah. Er nahm seine Umwelt durch eine fantastische Brille wahr. Aus klapprig zusammengeschusterten Blechstücken wird eine Heldenrüstung, aus einem alten Gaul ein edles Ross und Windmühlen mutieren zu furchterregenden Riesen. Diese kindliche Sichtweise sagt man im Allgemeinen auch Regisseuren nach. Auf Terry Gilliam trifft sie jedoch im besonderen Maße zu. Der Amerikaner ist für seine surrealen Traumwelten bekannt, die mal von Schauerballaden wie "Jabberwocky", mal von Märchen wie "Time Bandits" oder "Brothers Grimm" inspiriert sein können. Immer spielt das Fantastische eine übergeordnete Rolle in seinen Arbeiten. Was läge demnach für den Regisseur näher, als seinem Bruder im Geiste Quixotes ein filmisches Denkmal zu errichten? Diesen edlen Gedanken wollte Gilliam im Jahr 2000 in Spanien in die Tat umsetzen und scheiterte grandios. Wie es dazu kommen konnte, erfährt man in dem reizvollen Dokumentarfilm von Keith Fulton und Louis Pepe. Der Zuschauer ist mit "Lost in La Mancha" hautnah dabei, wenn alles langsam den Bach runtergeht. Das Ganze hat etwas von der Schaulust bei einem Unfall.

Obwohl der Film ein Dokument des Scheiterns ist, gelingt es seinen Machern stets unterhaltsam, manchmal sogar zum Lachen komisch, die Geschichte der glücklosen Produktion zu erzählen. Galgenhumor ist auch Humor. Was als ein gewöhnlicher Set-Bericht beginnt, wird zu einer Farce über das Filmemachen. Ein Grund, warum der Film funktioniert, ist die Unmittelbarkeit. Die Kamera ist mit dabei, wenn das Chaos über die Produktion hereinbricht. Die kritischen Telefonate, die Röntgenaufnahmen Rocheforts und natürlich der sintflutartige Regen, alles wird schonungslos gezeigt, ohne dabei zu dramatisieren. Zwischendurch erfährt man in teilweise sehr intimen Interviews, was Gilliam und sein Team über ihre Situation denken. Besonders spannend werden die Aussagen der Interviewten, als der Film auf der Kippe steht, denn in der Krisenzeit zeigen manche Produktionsmitglieder ihr wahres Gesicht.

Die Dokumentarfilmer Keith Fulton und Louis Pepe verstehen es, die Gefühlslage am Set einzufangen und in Bildern und Interviews mit den Beteiligten wiederzugeben - von dem anfänglichen Enthusiasmus, über die sich breitmachende Panik, bis zum endgültigen Resignieren. Man fühlt besonders mit dem Regisseur mit und das Herz eines jeden Cineasten blutet, wenn nach und nach Gilliams Traum in seiner Hand zerbröselt. Immerhin hatte er sich damals bereits seit zehn Jahren mit dem Quixote-Stoff auseinandergesetzt und das Projekt ist ihm zu einer Herzensangelegenheit geworden, wie er selbst den Dokumentarfilmern im Interview berichtet.

Durch eine abwechslungsreiche Ästhetik ist Fultons und Pepes Arbeit auch optisch ansprechend. Kleine Zeichentricksequenzen und animierte Storyboards peppen den Film auf. Gilliam, der als Cartoonist bekannt wurde und sich vor seiner Regietätigkeit als Animator bei Monty Python seine Brötchen verdiente, gibt durch seine kreativen Skizzen und Storyboardzeichnungen eine Impression, wie der fertige Film hätte aussehen können. Zusätzlich vermitteln während der wenigen Drehtagen gemacht Filmaufnahmen in Cinemascope einen Eindruck vom imposanten Filmspektakel, das ohne weiteres Gilliams Meisterwerk hätte werden können.

Am Ende von "Lost in La Mancha" gibt der Drehbuchautor von "The Man Who Killed Don Quixote" Tony Grisoni den Tränen nahe zu, dass diesmal die Realität Don Quixote besiegt habe. Die Schlacht mag die Realität damals gewonnen haben, den Krieg aber noch nicht. Im Jahr 2010 wagt sich Terry Gilliam erneut an sein Herzblutprojekt. Mit neuen Investoren und Darstellern – die Rolle des Don Quixote soll Robert Duvall übernehmen – will der Regisseur in naher Zukunft noch einmal gegen die Windmühlen des Filmbusiness antreten.

Das einzige „UNmaking-Of“ der Filmgeschichte.

von Markus Wuttke



Regie: Keith Fulton | Großbritannien, USA, 2002

Länge: 93 min | FSK: ab 15 | Kamera: Louis Pepe | Schnitt: Jacob Bricca | Produktion: Quixote Films