Lola


Handlung

Trotz des Sturms zündet Lola Sepa eine Kerze an. Das Licht ist Zeichen ihrer Trauer. Ein Messer hat ihren Enkelsohn getötet. Ein Messer trägt die alte Einwohnerin Manilas von nun an im Herzen. Der jugendliche Mateo, der ihren Enkel im Streit um ein Handy erstochen hat, ist bereits gefasst. Im Gefängnis besucht ihn wiederum seine Großmutter, Lola Puring. Während Sepa verzweifelt versucht, das Geld für eine angemessene Beerdigung zusammen zu bekommen, hofft Lola Puring, ihren Enkel retten zu können. In einem hilflosen Versuch der Wiedergutmachung bietet sie der Trauernden Lola Sepa Geld an, das diese jedoch zurückweist. Ihren toten Enkel kann ihr die Summe nicht zurückkaufen – doch könnte es das Leben Mateos?


Während ein Unwetter über Manila fegt, begreift Lola Sepa, wie aussichtslos ihr Unterfangen ist. Noch einmal beschließt sie, mit Lola Puring zu sprechen.


Meinung

Nach Jugend, Temperament und Verruchtheit klingt der titelgebende Name. „Lola“ erinnert an die Lola-Lola, die Marlene Dietrich in von Sternbergs „Der Blaue Engel“ spielte. Doppelt taucht der Name auch in Brillante Mendozas sanfter Tragödie auf. Zwei Frauen sind „Lola“, alte Frauen, in deren Gesichter die Jahre Entbehrungen und Trauer gezeichnet haben. Ein neues Leid führt beide zusammen, macht sie indirekt zu Gegnerinnen, obwohl ihr Schicksal im Grunde das gleiche ist. Das Los der Einen scheint wie eine Vorwegnahme dessen, was der Anderen droht: der Verlust des geliebten Enkels. Wie einen Eigennamen tragen beide Frauen, was tatsächlich ein Verwandtschaftstitel ist. „Großmutter“ bedeutet „Lola“ in Tagalog, der Sprache der Ureinwohner des Großraums Manila. Englisch ist die amtliche Nationalsprache, in den Straßen aber reden die Menschen Tagalog oder Taglish, welches Englisch und Tagalog vermischt. Wie eine zweite musikalische Tonspur tragen die Wort- und Gesprächsfetzen, die Mendoza wie den Großstadtlärm und die Nebengeräusche bestehen lässt, die elegische Handlung. Geräusche und Stimmen werden zum Strudel, der die Zuschauer zwischen den Wellblechhütten und regengepeitschten Gassen untergehen lässt.

Die übervölkerte Hauptstadt Manila ist die dritte alte Dame an der Seite von Lola Sepa und Lola Puring. Den schier aussichtslosen Kampf der beiden Frauen inszeniert „Lola“ in fast dokumentarisch anmutender Authentizität. Wenn es nicht durch Mühen geht, wird für wenige Pesos betrogen. Dann geht der Wettlauf gegen die Zeit und durch die Wasserwege und Gassen weiter, trotz Alter und Schwäche. Die beeindruckenden Hauptdarstellerinnen spielen ihren physischen Kampf so berührend wie den emotionalen. Die Tiefe ihrer Gefühle steht im Kontrast zu dem mitleidlosen Rechtsstaatssystem, dessen Unmenschlichkeit „Lola“ in schonungsloser Einprägsamkeit vor Augen führt. Für Lola Sepa symbolisiert die beschwerliche Reise durch die Stadt ihren psychischen Weg zu der Erkenntnis, dass ein verlorenes Leben ein anderes nicht ausgleicht. Wie ihre innere Wut, ihr fast greifbarer Schmerz braust das Unwetter über der Stadt auf, das an den Sturm „Ketsana“ erinnert, der im vergangenen Jahr hunderte Opfer auf den Philippinen forderte. Doch nach der Katastrophe geht das Leben weiter. Manchmal so rasch, dass Trauernden wie Lola Sepa kaum Zeit bleibt, zu ergründen, was in ihnen stärker ist: Kummer oder Zorn? Dass sie sich dennoch besinnt, lässt einen schwachen, hoffnungsvollen Schimmer am verdüsterten Himmel über dem anmutigen Moloch Manilas zu. Ein zarter und trauriger Moment in Mendozas bewegendem Werk, wie die Kerze, die Lola in der ersten Szene anzündet. Trotz des Sturms.

Die alten Frauen und der Tod.

von Lida Bach



Lola Sepa: Anita Linda
Lola Puring: Rustica Carpio

Mateo: Ketchup Eusebio
Ditas: Tanya Gomez

Regie: Brillante Mendoza | Frankreich, Philippinen, 2009

Länge: 110 min | FSK: ab 12 | Buch: Linda Casimiro | Kamera: Odyssey Flores | Musik: Tereza Barrozo | Schnitt: Kata Serraon | Produktion: Freddy Braidy