Lichter


Handlung

Der Matrazenverkäufer Ingo versucht mit allen Mitteln sein Geschäft vor der Pleite zu bewahren. Andreas, ein kleiner Zigarettenschmuggler, würde für seine große, unerreichbare Liebe Katharina alles tun, auch zum Verräter werden. Kolja, Anna und Dimitri sind über Kiew nach Slubice in Polen geflohen – um über den Grenzfluss zu kommen gerät Kolja an die junge Dolmetscherin Sonja, die sich für seine Flucht einsetzen will, während Anna und Dimitri an den polnischen Taxifahrer Antoni geraten, der unbedingt Geld für das Kleid seiner Tochter braucht. Der junge Architekt Philip will seine polnische Ex-Freundin Beate zurückzugewinnen – doch nach zwei Jahren haben Philip und Beate unvereinbare Karrierepläne: Philip im Büro seiner reichen Bauunternehmen, für die Beate nicht nur dolmetscht, sondern auch diskretere Dienste anbietet. Die Schicksale der so unterschiedlichen Personen, die alles für ein bisschen Glück im Leben tun würden, trennt die Oder, der Grenzfluss zwischen Frankfurt und Slubice.

Meinung

Mit dem Episodendrama "Lichter" zeigt Regisseur Hans-Christian Schmid eindrucksvoll, dass es einen ernsten deutschen Film abseits von seicht-kitschigen romantischen Komödien gibt. Schmid, bis dato auf Jugendfilme wie "Crazy" und "23" spezialisiert, ist spätestens mit dem Politdrama "Sturm" zur größten deutschen Hoffnung auf dem Regiestuhl avanciert. Dabei hätte dem deutschen Publikum schon bedeutend früher Schmids narrative Veranlagung für menschliche Schicksale, frei von jeglichem Pathos, unangebrachter Komik und moralischem Zeigefinger, auffallen müssen.

Die Figuren sind Verlierer, nicht etwa redliche Menschen, die arg von ihrem Schicksal gebeutelt wurden und deshalb übermäßiges Mitleid verdient hätten – der Matratzenverkäufer Ingo wird als arroganter Geschäftemacher vorgestellt, der Leuten Tagesjobs anbietet, die er nicht bezahlen kann, die aber auch nicht die große Wahl hätten, ihren Arbeitgeber zu bestimmen und sich ihre Konditionen vertraglich abzusichern; die polnische Gastarbeiterin in seinem Laden setzt er eiskalt vor die Tür, als diese ihren Lohn für die letzte Woche fordert, den sie doch so bitter nötig hätte. Am Ende verliert Ingo seinen Laden, sein letztes Geld und scheint auch den einzigen Menschen zu übersehen, der mit Ingo ein bisschen Zeit verbringen und gemeinsam ihr beider Glück suchen will.

Der sich so anrührend für seine Tochter aufopfernde Taxifahrer Antoni kann dem Flüchtlingspaar Dmitri und Anna mit Kind nicht helfen, die beiden sind noch ärmer dran als er selbst – Antoni emfindet tiefe Selbstverachtung, dass er letzten Endes die Not der jungen Familie ausnutzen muss.


Und auch hier bleibt Schmid konsequent: Antoni ist selbst viel zu arm dran, um anderen Menschen helfen zu können. Er erkennt für sich, dass er einzig daran denken kann, selbst zu überleben. Der so warme, aufopfernde Familienvater nimmt dem verzweifelten Dmitri das letzte Geld aus der Tasche.


"Willkommen in der Realität" sagt der Büroleiter Klaus zu seinem desillusionierten Jungarchitekten Philip, der mitansehen muss, wie sein Auftraggeber sich für Geld mit seiner Ex-Freundin Beate vergnügt. Philip rastet aus, er will mit Beate ein neues Leben anfangen, aber Beate meint erkannt zu haben, dass sie kein anderes Leben als selbstbestimmte Frau haben kann. Philip verliert seinen Job, in dieser Welt ist kein Platz für falsche Helden und solche, die es werden wollen.

Ähnlich ergeht es Andreas, der so gerne mit seiner Katharina geflohen wäre, aber als diese ihm zurückweist, muss auch er erkennen, dass es für ihn keinen anderen Platz in dieser Welt zu geben scheint als die heruntergekommende Schmugglerbude, in der er sein Zimmer räumen muss, wenn der ältere Marko mit Katharina schlafen will und von seinem Ziehvater geschlagen wird.

"Lichter" reißt seinen Zuschauer in einen Sog menschlicher Schicksale. Der Film ist intensiv und spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde und wurde im Kinojahr 2003 vom Publikum sträflich außen vor gelassen.

Kein Licht am Ende des Tunnels – ein großartiger Film

von Niklas Anzinger



Ingo Devid Striesow
Andreas: Sebastian Urzendowsky
Katharina Alice Dwyer
Kolja Ivan Shvedoff

Anna Anna Yanovskaya
Dmitri Sergei Frolov
Antoni: Zbigniew Zamachowski

Regie: Hans-Christian Schmid | Deutschland, 2003

Länge: 101 min | FSK: 12 | Buch: Michael Gutmann, Hans-Christian Schmid | Kamera: Bogumil Godfrejow | Szenenbild: Andrei Lyusikov | Schnitt: Hansjörg Weißbrich, Bernd Schlegel | Produktion: Jakob Claussen, Thomas Wöbke