Lang lebe Ned Devine


Handlung

Tullymore ist ein 53-Seelen-Dörfchen irgendwo an der irischen Küste. Hier passiert nichts; die Dorfbewohner hadern mit der kaputten Telefonleitung und erzählen sich das Neueste von ihren Kindern in den Städten. Ein paar alte Haudegen wie Jackie O'Shea träumen aber doch noch von ihrem Traumurlaub – und spielen deshalb Lotto. Natürlich gewinnt keiner von ihnen, doch eines Tages erreicht Jackie das Gerücht, dass jemand aus Tullymore den Jackpot geknackt habe. Mit seiner Frau Annie und seinem besten Freund Michael O'Sullivan startet er eine Charmeoffensive mit Whiskey und Brathuhn, um den Gewinner ausfindig zu machen. Doch einer kommt nicht zur Party, der alte Fischer Ned Devine, der am Rande des Dorfes wohnt. Jackie und Michael finden Ned tot in seinem Sessel vor dem Fernseher – mit dem Gewinnerlos in der Hand. Ein Toter kann keinen Gewinn einkassieren, demzufolge muss Michael Ned spielen. Der Betrug kann aber nur aufgehen, wenn das ganze Dorf mitspielt. Doch da gibt es die störrische „alte Hexe“ Lizzy Quinn, die nicht mitspielen will.

Meinung

„Lang lebe Ned Devine“ ist eine pointenreiche, wendungsvolle und frisch-frivole irische Komödie. Ned habe jedem Sturm getrotzt und das Meer konnte dem zähen alten Hund nicht beikommen – aber sechs Lotteriekugeln in der richtigen Reihenfolge bringen ihn ins Grab, stellt Michael fest. Diese zentrale Pointe des Films ist großartig. Jackies und Annies Versuche zu Anfang, den Gewinner ausfindig zu machen, indem sie die Kandidaten umgarnen, abfüllen und schmeicheln, sind zum Schießen komisch. Auf einer Party wollen Jackie, Annie und Michael rechtzeitig Freundschaft mit dem Gewinner schließen. Man flüstert den Gästen subtil ein, was man mit viel Geld machen würde: Natürlich mit allen Bewohnern des Dorfes teilen. Der Humor kommt oft sehr schwarz, doch zu keinem Zeitpunkt nimmt der Film seine Figuren die Redlichkeit. Mit dem toten Ned und dem Lotterielos ändert sich die Situation. „Ned hätte gewollt, dass wir den Gewinn“ teilen – Jackie und Michael wollen den Geschäftsmann vom Lotteriebetrieb erst selbst täuschen, um an den Gewinn zu kommen, aber sie müssen feststellen, dass sie dafür die Hilfe der übrigen Dorfbewohner brauchen.

Szenen, in denen die alten Männer nackt baden und der Lotteriemann vorbeikommt und letztlich Michael nackt auf dem Motorrad zu Neds Haus fahren muss, um dem Lotteriemann die Lügengeschichte zu unterbreiten, dass Ned gesund und am Leben ist, laufen wie aus einem Guss. Man kann dem großartigen David Kelly ansehen, dass dieser noch nie in seinem Leben gelogen hat. Die „naiven Dörfler“ müssen den „weltgewandten Städter“ täuschen. Dies mündet in einer weiteren schrägen Szene bei Neds Beerdigung, in der Jackie eine Gedenkrede an seinen lebendigen Freund Michael hält – die Dorfbewohner halten zusammen und spielen das Spiel mit. Doch die alte Hexe Lizzy, die stets mit einem batteriebetriebenen Rollstuhl durchs Dorf fährt, will den Betrug melden.


Am Ende ergibt es sich durch einen glücklichen Zufall, dass die Hexe an der Tat gehindert wird, der Lotteriemann den Gewinn auszahlt und die Dörfler gelassen im Pub ihren neuen Reichtum feiern, das Glas wird auf einen großartigen Menschen – Ned Devine – erhoben.


Natürlich kann man dem Film vorwerfen, dass sich alles irgendwie ein bisschen zu glücklich fügt und die zusammenhaltende Dorfgemeinschaft als freundschaftlich-herzliches Idyll doch übertrieben harmonisch dargestellt wird. Aber das ist eben der Film, der sich oftmals in der häufig verwendeten Kategorie „Kult“ wiederfindet, bei der es immer wieder müßig ist, die „Kult-Tauglichkeit“ abzuklappern. „Lang lebe Ned Devine“ will keine rabenschwarze Coen-Brothers-Komödie sein. Der Film hat schwarzhumorige Elemente, aber es ist ein Familienfilm, bei dem man herzlich lachen und ein bisschen irischen Frühling einatmen kann – was nicht zuletzt an den ausschweifenden Landschaftsszenen und der authentischen Irish-Folk-Musik liegt.

Kauzige irische Komödie.

von Niklas Anzinger



Jackie: Ian Bannen
Michael: David Kelly

Annie: Fonnula Flanagan
Lizzy: Eileen Dromey

Regie: Kirk Jones | Großbritannien, 1998

Länge: 87 min | FSK: ab 6 | Buch: Kirk Jones | Kamera: Henry Braham | Szenenbild: John Ebden | Schnitt: Alan Strachan | Musik: Shaun Davey | Produktion: Richard Holmes, Alexandre Heylen