La Vida Loca


Handlung

Spaß wollen die Jugendlichen haben. Das Leben genießen, bevor es vorbei ist. Es kann schon morgen sein oder heute. In den Armenvierteln El Salvadors wiegt ein Menschenleben wenig. Wie Abfall liegen die Toten auf der Straße, erschossen oder niedergestochen. Sie sind Opfer des Krieges, der noch Jahre nach dem Ende des Militärregimes in El Salvador anhält. In den Slums kämpfen rivalisierende Gruppen krimineller Jugendbanden, die Mara 18 und die Mara Salvatrucha, um die Vorherrschaft. Der Dokumentarfilmer Christian Poveda begleitete die Mitglieder „Der Todesgang“ Mara 18 bei ihren Kämpfen um „La Vida Loca“.

Meinung

Drei Jahre beobachtete Christian Poveda für seine Reportage eine der gefährlichsten südamerikanischen Jugendbanden. Besonders erschreckend ist die Jugend der Gangmitglieder, von denen manche fast Kinder sind. „La Vida Loca“ zeigt sie mit ihren Familien, bei Geburtstagsfeiern und den Konflikten mit Polizei und Rechtsstaat, die für die Meisten zum Alltag gehören. Und er zeigt die verstörende Brutalität, das Morden, welches in den Slums stattfindet. Die Herkunft der Gewalt bleibt im Dunkeln. Nicht nur Armut, Misshandlungen und Perspektivlosigkeit nähren die Sehnsucht nach „La Vida Loca“, dem „verrückten Leben“. Unter dem dominanten Gebahren verbirgt sich bei den Jugendlichen die Angst. Die Meisten unter ihnen sind Straßenkinder, deren Leben von Missbrauch und Ablehnung geprägt ist. In der Mara finden sie Schutz und eine Gemeinschaft, die sie auffängt. Die Jugendlichen werden Täter, um nicht mehr Opfer sein zu müssen. Die Bande hat für viele die Funktion einer bizarren Ersatzfamilie, in der Verrat oder Abkehr mit dem Tod bestraft werden. Manchen stehen die Folgen der Gewalt ins Gesicht geschrieben. Eine junge Frau hat ein Auge verloren, worunter sie nicht nur auf Grund des äußeren Makels zu leiden scheint. „La Liro“ trägt das Erkennungszeichen der Mara 18 als Ziffer über das gesamte Gesicht tätowiert. Möglicherweise eine Strafhandlung oder eine Mahnung, der Bande treu zu bleiben. Ob Poveda nicht nachfragte oder die Protagonisten es ihm nicht verrieten – die Biografien der Bandenmitglieder bleiben verdeckt.

Ein Riss geht durch die dokumentarische Kraft der Handlung. Unüberwindbar trennt diese Kluft die Protagonisten vom Zuschauer. Bis zuletzt bleiben die Jugendlichen entrückt, „Bandenmitglieder“ anstelle von Individuen. Das Poveda hier nicht weiter vordringen konnte, ist die angenehmere Interpretation für das, was als filmischer Mangel erscheint. Eine düsterere Möglichkeit ist, dass die Mara die Persönlichkeit ihrer Mitglieder verschlungen hat. „Töte um zu leben, lebe um zu töten“, zitiert Poveda in einem seiner letzten Interviews das Motto, welches ein Jugendlicher aus der Mara tätowiert trug. Vereinzelte Resozialisierungsversuche bleiben im Film aussichtslos. Die Bäckerei, in der sich Mitglieder der Mara eine Existenz jenseits der Kriminalität aufbauen wollen, muss schließen. Depremierend unvermeidbar scheint das Scheitern der Protagonisten. Das einzig Verlässliche sind die Gewalt und der Tod, welcher als stummer Begleiter neben den Protagonisten hergeht. Trauerfeiern sind der tragische gemeinsame Nenner in den Abschnitten der Dokumentation. Auf der dunklen Leinwand hallen Schüsse. Eine sanfte Frauenstimme singt „Bang, Bang, Gang-Bang“ als Refrain eines immer wiederkehrenden Rap-Songs. Derartige unausgeglichene Momente tendieren zu einer fragwürdigen Verklärung des Todes in „La Vida Loca“. Ebenso irritiert der Titeltext zu Beginn, der versichert, wie bedeutsam Povedas Reportage sei. Die verstörende Ausdruckskraft der Aufnahmen spricht für sich und bedarf keiner Akzentuierung.


Der letzte Schuss in der Dunkelheit traf Christian Poveda selbst. Im September 2009 wurde der Dokumentarfilmer erschossen, möglicherweise von einem Mitglied der Gang, welche er begleitet hatte. Die Gewalt verschont niemanden, gleich eines unersättlichen Ungeheuers. „La Vida Loca“ endet abrupt und brutal. Die letzte Szene ist die Tragischste. Ein neues Mitglied wird der Aufnahmeprüfung unterzogen. „Jetzt bist du in der Mara.“, heißt es danach. Für ein kurzes, verrücktes Leben.


Komm, süßer Tod.

von Lida Bach



Regie: Christian Poveda | El Salvador, Frankreich, 2008

Länge: 90 min | FSK: ab 16 | Buch: Christian Poveda | Kamera: Christian Poveda | Musik: Sebastian Rocca | Schnitt: Mercedes Alted | Produktion: Carole Solive (La Femme Endormie), Luis Bellaba (Aquelarre), Emilio Maillé & Gustavo Angel (El Caiman)