Kwaidan
Handlung
Ihr schwarzes Haar schimmert wie einst. Schön wie damals, als er sie verließ, scheint dem Samurai seine erste Frau. Dem Leben in Armut mit ihr zog er die Ehe mit einer reichen Frau vor. Als er die Gefühlskälte der zweiten Frau, welche nur seine eigene Hartherzigkeit spiegelt, erkennt, kehrt der Samurai zu seiner wahren Liebe, der ersten Frau, zurück. Doch sein Versprechen, nun ewig bei ihr zu bleiben, wird er bitter bereuen.
Der Holzfäller Mi verirrt sich im Schneesturm. Als er zu erfrieren droht, erscheint ihm die sagenumwobene Schnee-Dämonin, deren eisiger Atmen tötet. Die Schneefrau verschont ihn unter der Bedingung, er werde nie über ihre Begegnung sprechen. Jahre später lebt Mi glücklich mit seiner schönen Frau Yuki und den gemeinsamen Kindern. Eines Nachts erzählt er Yuki von seinen unheimlichen Erlebnissen der kalten Winternacht zehn Jahre zuvor.
Der blinde Mönch Hoichi unterhält des Nachts geheimnisvolle Herrschaften mit seiner Musik. Der Klostervater findet heraus, dass es die Geister der toten Adelsfamilien, von deren Schicksal Hoichis Lieder handeln, sind, die ihm lauschen. Um Hoichi vor den Geistern zu schützen, bemalt der Priester dessen Körper mit magischen Zeichen – doch macht dabei einen fatalen Fehler.
Meinung
Es sind drei der vier Geschichten aus dem alten Asien, welche der Chronist klassischer Sagen Lafcadio Hearn um die Jahrhundertwende sammelte. Der japanische Regisseur Masaki Kobayashi ließ sich von den Erzählungen zu seinem 1964 entstandenen märchenhaften Geisterfilm „Kwaidan“ inspirieren. „Spukgeschichte“ oder „seltsame Erzählung“ bedeutet „Kwaidan“ übersetzt. Oft wird Kobayashis Werk als Horrorfilm bezeichnet. Doch in „Kwaidan“ gibt es keine drastischen Szenen oder Schockeffekte. Die von Kobayashi ausgewählten Geschichten sind Geistermärchen aus dem alten Japan, in denen die Existenz von Gespenstern und Dämonen nicht vermutet, sondern entsprechend des Aberglaubens der Zeit als gegeben aufgefasst wird. Diese selbstverständliche Akzeptanz des Übernatürlichen wirkt auf ein modernes Publikum anfangs befremdlich. Doch trotz dieser dem Schema klassischer Märchen entsprechenden Annahme einer Geisterwelt ist „Kwaidan“ kein süßlicher Fantasyfilm, auch wenn er diesem Genre näher steht als dem des Horrors. Durch unheimliche Andeutungen kreiert Kobayashi eine Atmosphäre schleichenden Grauens. Nicht nur die Dialoge verstummen in manchen Szenen, auch die Landschaft scheint zu schweigen. Um die Charaktere breitet sich eine bedrohliche Stille aus, die Angst einflößender ist als grelle Effekte. Gleich einem reich illsutrierten Märchenbuch entfaltet „Kwaidan“ ein Zauberreich expressionistischer Bildsprache. Im Himmel verborgen beobachtet das überdimensionale Auge der Schneefrau die Menschen. Farben, Licht und Schatten verleihen den Szenen eine zweite, tiefere Bedeutungsebene.
Die stilisierten Kulissen gipfeln in der an die Ästhetik klassischer Holzschnitte angelehnte längsten Erzählung über den Mönch Hoichi. Es scheint, als habe Kobayashi, der sich vor seiner Filmarbeit der Malerei widmete, für sein Meisterwerk selbst erneut zum Pinsel gegriffen. Die opulenten Hintergrundgemälde des ausschließlich in Studiosets entstandenen Films geben „Kwaidan“ einen fast surrealistischen Unterton. Geschickt knüpfen die unheimlichen Erzählungen thematisch aneinander an, um die Präsenz des Übernatürlichen langsam zu steigern. Der leise Schauder, welcher von den „Kwaidan“ ausgeht, beruht auf der symbolischen Bedeutung der Märchenfiguren. Die Gespenster und Dämonen verkörpern die Heimsuchung durch Reue, die Ohnmacht gegenüber den Naturgewalten und die Furcht vor unterdrückten Anteilen der eigenen Persönlichkeit. Sie sind die Personifizierung zeitloser Ängste und somit realistischer als Horrorfiguren. Der durch sie verursachte Schauder endet nicht mit den Gruselszenen, sondern kehrt mit jedem Blick auf die Nachtseite der menschlichen Seele zurück - wie das Gesicht, welches dem Charakter der letzten Geschichte aus einer Teeschale entgegenblickt. Diese letzte, in der Drehbuchvorlage Lafcadio Hearns wie auf der Leinwand unvollendete Geschichte schlägt kunstvoll den Bogen von der Welt der Sage zur Moderne. Gleichzeitig ist sie ein hintergründiger Kommentar über die psychologische Bedeutung des Märchenerzählens und der Bewahrung von Legenden, zu welchem „Kwaidan“ seinen Teil beiträgt.
Gespenstische Schönheit der japanischen Märchen.
Samurai: Rentaro Mikuni
Erste Frau: Michiyo Aratama
Mi: Tatsuya Nakadai
Yuki: Keiko Kishi
Hoishi: Katsu Nakamura
Autor: Osamo Takizawa
Regie: Masaki Kobayashi | Japan, 1964
Länge: 164 min | FSK: ab 6 | Buch: Yoko Mizuki | Kamera: Yoshiho Miyajima | Szenenbild: Jusho Toda | Musik: Toru Takemitsu | Schnitt: Hisashi Sagara | Produktion: Shigeru Waktsuki

