Kleine Wunder in Athen


Handlung

Wenn Stavros nicht vor seinem heruntergekommenen Tabakladen vergeblich auf Kunden wartet, schlägt der alternde Athener mit seinen Kumpanen Marenglen, Nikos und Thymios die Zeit tot. Sie alle haben einen Eckladen am gleichen Platz, auf dessen Mitte sie gelegentlich Fussball spielen. Stavros Ex-Partnerin Dina will schon lange nichts mehr von ihm wissen, die greise Mutter driftet der Senilität zu und erkennt ihren Sohn immer seltener. Da kann ihn schon mal ein Hund ankläffen. Der von Marenglen zum Beispiel, obwohl der angeblich nur Albaner anbellt. Solidarität ist Satvros und seinen Freunden ein Fremdwort, Interkulturalität erst Recht. So passt es ihnen gar nicht, dass für beides auf ihrem Stammplatz ein Denkmal errichtet werden soll. Lieber beklagen sie sich über die Asiaten, die gegenüber einen neuen Laden eröffnen, über Albaner sowieso.


Umso tiefer erschüttert es Stavros, dass der Albaner Argyris plötzlich auf seiner Couch sitzt und von der Mutter als verlorener Sohn bewirtet wird. Das Knurren von Marenglens Hund erweist sich für Stavros als prophetisch. Seine Mutter spricht plötzlich albanisch, Argyris sitzt fast täglich mit am Tisch und die Freunde beginnen, auch Stavros mit fremdenfeindlichem Misstrauen zu beäugen.


Meinung

Die Wirtschaftskrise wird in Filippos Tsitos Tragikomödie zur Identitätskrise. So unscheinbar inszeniert der griechische Regisseur seine melancholisch-komische Alltagsgeschichte, dass man fast übersieht, wie viel sich darin wandelt.


Am Ende wird weiter vor dem Eckladen gesessen. Nur einer mehr hockt jetzt in der Runde, ein Plastikbecher extra steht auf dem Tisch und weder Hund noch Hundehalter stört es. Seine kulturellen Wurzeln und den ersten wahren Freund findet Stavros dort, wo er es am wenigsten vermutet. Dass Agyris nicht der verschollene Bruder ist, für den sogar Stavros ihn schließlich hält, ändert daran nichts. Argyris ist Stavros Bruder im intellektuellen Sinne. Mag letzter sich auch im Wesentlichen auf eine Leidenschaft für Status Quos, die Rockband und den Zustand beschränken.


Wo zuvor eine Mauer war, öffnet sich zum Ende des Films eine Tür. Aufgestoßen hat sie nicht Stavros; dazu dringt in Antonis Kafetzopoluos Darstellung zu sehr viel Starrsinn durch. Die greise Mutter, hinter deren wachsender Senilität sich mehr Erkenntnisfähigkeit verbirgt, als der Sohn wahrhaben will, muss Stavros die Augen öffenen. In der beinahe stummen Rolle wird Titika Saringouli zur heimlichen Hauptdarstellerin des Films. Mit sanfter Wehmut spielt sie die schweigsame Frau, die sich kurz vor ihrem Tod an ihre Jugend erinnert, plötzlich roten Nagellack bewundert und einen goldglänzenden Schuh trägt – man ahnt: aus dem chinesischen Modegeschäft.

„Kleine Wunder in Athen“ gibt es in der Sozialstudie en miniatur eigentlich nicht. Es sei denn, die Charaktere schaffen sie sich selbst. Das vermeintliche Wunder ist nur irrtümlich eines. Mit der Mutter stirbt auch der Glaube an die leibliche Bruderschaft. Doch Wahlverwandtschaft ist in „Der Akademie des Platon“ auch Verwandtschaft. Auf diese geistige Verbundenheit spielt der Originaltitel an, in dem sich Tsitos mit einem Hauch Selbstironie vor der griechischen Geistesgeschichte verneigt. Unterschwellig erinnert der Titel auch an Raffaels Fresko der „Schule von Athen“, welches bedeutende Denker der Antike und Renaissance versammelt zeigt. Dessen ethisches und ideelles Weltbild hält der Regisseur seinen Protagonisten, die er „infiziert mit der Krankheit des Nationalstolzes“ nennt, vor. Eine Spur zu forsch bisweilen, doch das verkraftet die Komödie. Dass ein missmutiges Quartett von Antihelden wie Stavros und die übrigen Tabakladenbesitzer diesem Ideal etwas näher kommen, heißt dann vielleicht doch, dass „Kleine Wunder in Athen“ geschehen.

Wunder in der Wirtschaftskrise.

von Lida Bach



Stavros: Antonis Kafetzopoluos
Mutter: Titika Saringouli
Marenglen: Anastas Kozdine

Nikos: Giorgos Souxes
Dina: Maria Zorba
Argyris: Konstantinos Koronaios

Regie: Filippos Tsitos | Griechenland, 2009

Länge: 103 min | FSK: ab 6 | Buch: Filippos Tsitos, Alexis Kardaras | Kamera: Polidefkis Kirlidis | Szenenbild: Spyros Laskaris | Musik: Vaggelis Zelkas, Costas Varibopiotis | Schnitt: Dimitris Peponis | Produktion: Constantin Moriatis, Thanassis Karathanos


In die Besprechung hat sich

In die Besprechung hat sich ein nicht unwesentlicher Fehler eingeschlichen: Argyris ist ein Freund von Stavros, Marenglen der Albaner und eventuelle Bruder Stavros'. Nicht andersrum.