Kleine Morde unter Freunden


Handlung

Eine harmonische Wohngemeinschaft in Edinburgh: Die Ärztin Juliet, der Buchhalter David und der Journalist Alex suchen zwar einen neuen Mitbewohner, aber sie machen sich eher regelmäßig einen Spaß daraus, potenziellen Mitbewohnern das Casting zur Hölle zu machen. Der feinsinnige Hugo, der sich als Schriftsteller ausgibt, macht bei Juliet einen guten Eindruck. Sie überredet ihre Mitbewohner, Hugo einziehen zulassen. Am nächsten Morgen liegt dieser tot in seinem Bett, mit einer Menge harter Drogen im Blut und einem Koffer voller Banknoten. Alex kann Juliet und den nervösen David davon überzeugen, das Geld zu behalten, sie müssten nur die Leiche loswerden. Mit ein paar Utensilien aus dem Baumarkt soll der Korpus unidentifizierbar gemacht werden – ausgerechnet der schüchterne David zieht den Kürzeren und darf der Leiche Arme und Beine absäbeln. In der Folgezeit ist in der Wohngemeinschaft nichts mehr, wie es war. Alex und Juliet kosten ihr neues Leben voll aus, während David manische Züge entwickelt. Dazu sind zwei Gangster hinter dem Trio her und auch die Polizei ist ihnen auf der Spur.

Meinung

Der englische Titel „Shallow Grave“ lässt sich bedeutungsgemäß mit einem „(zu) flachen Grab“ wiedergeben. Der Subtitel „What's A Little Murder Among Friends?“ wurde im Deutschen übernommen. Der Regisseur Danny Boyle ist mit seinem famosen Drogendrama „Trainspotting“ bekannt geworden und macht sich seitdem einen Namen als Genrehopper – der Endzeit-Zombiefilm „28 Days Later“, visionäre Science-Fiction mit „Sunshine“ oder das Bollywood-Liebesdrama „Slumdog Milionär“. Charakteristisch sind für Boyle ein elektrisierender, mitreißender Score, wie in dem von Iggy Pop „Lust For Life“ einleitenden „Trainspotting“ und abenteuerliche Kamerafahrten- und einstellungen. Diese Handschrift ist auch bei „Kleine Morde unter Freunden" auszumachen. Der Film ist eine schwarze Komödie mit subtilen Thriller-Elementen.

Anfangs scheinen Juliet, David und Alex alles andere als eine Zweckgemeinschaft zu sein. Jeder der drei Yuppies hat seine Schrullen und alles fügt sich zu einem spaßtrunkenen Alltagsleben zusammen. Juliet bekommt laufend Briefe und Anrufe von Verehrern, die sie genussvoll ignoriert. Alex hat ständig verrückte Ideen, ist ungemein schlagfertig und genießt es, andere Leute aufzuziehen. Der altmodische David ist mit dem schrägen Humor der anderen beiden irgendwie auf einer Wellenlänge. Mit der Wendung durch Hugos Erscheinen brechen die Beziehungen von Alex und Juliet zu David auf. David hat vorher noch nie einen toten Menschen gesehen und die Verstümmelung der Leiche hat bei ihm einen bleibenden Schaden hinterlassen. Er fühlt sich von den anderen beiden immer weiter zurückgelassen, wie bei der Tat, die er alleine verüben musste. David versteckt das Geld auf dem Dachboden und bohrt sich Löcher, durch die er Juliet und Alex beobachten kann. Als zwei Gangster auftauchen, sticht David sie eiskalt ab – seine manischen Züge werden aber auch zur Bedrohung für Alex und Juliet. Jeder entwickelt von nun an seine eigenen Pläne, mit dem Geld (und dem Leben) davonzukommen.


Am Ende ist es Alex, der den Anderen einen Schritt voraus ist. Als David sich aus dem Staub machen will und Juliet sich ihm in den Weg stellt, kommt es zum Kampf zwischen David und Alex. David nagelt Alex mit einem Messer am Boden fest, aber Juliet kann David erstechen. Sie will auch den festgenagelten Alex töten, sie hat sich vorsorglich Flugtickets gekauft. Doch Alex überlebt und Juliet muss am Flughafen feststellen, dass Alex die Geldscheine mit Papier vertauscht hat.


Der Film bietet einen guten Einblick in das technische Handwerk von Danny Boyle, das er in seinen späteren Filmen immer weiter ausbaut. Die pechschwarze Komödie spielt in einer großen, farbigen und verwinkelten Wohnung, denen die Kamera immer wieder großartige Szenen entnimmt. Einige Elemente hat Boyle sogar direkt in „Trainspotting“ übernommen, wie das lachende Baby, das auf dem Boden krabbelt. Die Beziehungen zwischen den Hauptpersonen funktionieren, besonders der junge Ewan McGregor als aufbrausender Jungreporter mit losem Mundwerk sticht schauspielerisch heraus. Das Hauptaugenmerk liegt nicht auf dem Spannungsaufbau, sondern auf dem Beziehungsgeflecht und den überraschenden Wendungen. Damit büßt der Film zwar nichts an seinem Charme ein, jedoch fehlt in der Dramaturgie oft einfach der Suspense, für den Boyle seine späteren Stärken in der Musikuntermalung nicht ganz ausreizt.

WG-Leben kann die Hölle sein.

von Niklas Anzinger



Juliet: Kerry Fox
David: Christopher Eccleston

Alex: Ewan McGregor
Hugo: Keith Allen

Regie: Danny Boyle | Großbritannien, 1994

Länge: 89 min | FSK: ab 16 | Buch: John Hodge | Kamera: Brian Tufano | Szenenbild: Kave Quinn | Schnitt: Masahiro Hirakubo | Musik: Simon Boswell | Produktion: Andrew Macdonald