Invictus - Unbezwungen
Handlung
„Wenn wir ihnen wegnehmen, was sie schätzen, verstärken wir nur den Kreislauf der zwischen uns herrschenden Angst.“ Nelson Mandela wusste um die symbolischen und sozialpolitischen Auswirkungen, welche ein sportliches Ereignis auf ein Land und dessen Bevölkerung haben kann. Der 1994 zum Präsidenten Südafrikas gewählte Apartheid-Gegner stellte sich bewusst gegen die Demontage des nationalen Rugby-Teams. Die 'Springboks' verkörperten mit ihren Trikots in den Farben des Apartheid-Regimes und ihres langjährigen Ausschlusses farbiger Spieler den staatlich sanktionierten Rassismus. Die schlechten Leistungen der Mannschaft sahen viele als Chance, die 'Springboks' in ihrer gegenwärtigen Formation aufzulösen. Mandela hingegen wollte mehr als die Mannschaft erhalten. Unter der Leitung des Team-Captains Francois Pienaar sollten sie in die Oberliga aufsteigen. Eine kollektive Begeisterung für ihre Landesmannschaft soll Schwarze und Weiße im sportlichen Rahmen einem gemeinsamen Ziel entgegenfiebern lassen und die Rassenkonflikte zu überbrücken helfen.
Meinung
„Invictus“ ist kein spannender Film. Das Ende steht fest, der Hauptcharakter Nelson Mandela ist als einer der großen Politiker des 20. Jahrhunderts etabliert, der Aktionsrahmen der Handlung stark begrenzt. Dennoch gelingt Clint Eastwood ein interessanter und bewegender Film. Als „Dirty Harry“ schien der Schauspieler und Regisseur einst ganz rechts im Filmgenre zu stehen. Nun rückt er mit jedem Werk, zuletzt seinem herausragenden „Gran Torino“, weiter nach links. Diese Annäherung ermöglicht Eastwood eine sentimentale Idealisierung Mandelas zu vermeiden. Gradlinig und ohne Kitsch entsteht das Bild eines von tiefer Überzeugung geleiteten Menschen, unter dessen äußerer Ruhe sich auch innere Zurückgezogenheit verbirgt. Mandela ist der „Unbezwungene“ des Titels, der sich nicht brechen ließ von der Haft und den Anfeindungen, gegen die er weiterhin kämpfen muss. „Das ist dieser Terrorist. Nelson Mandela.“, sagt ein Mann und sieht dem vorbeifahrenden Wagen hinterher. Dieser Mann ist ein Weißer, in dem Fahrzeug, dem er nachblickt, sitzt der Präsident Südafrikas. Bis 1990 war er noch ein politischer Häftling, über zwanzig Jahre verbrachte er in einer Zelle auf der Gefängnisinsel Robben Island. Nun will er das zerrissene Land weg von der Apartheid führen.
Offiziell ist die Rassentrennung abgeschafft. Im öffentlichen Leben existiert sie dennoch weiter. Unter einem schwarzen Präsidenten fürchtete die weiße Bevölkerung ihre Privilegien zu verlieren. Die Abschaffung der staatlichen Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung empfand sie als Benachteiligung. Der Weiße, welcher den 1993 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Mandela zu Beginn von Clint Eastwoods „Invictus“ beschimpft, steht am Rande eines Rugby-Felds. Die ausschließlich weißen Jugendlichen blicken dem Präsidentenwagen skeptisch nach. Gegenüber bejubeln schwarze Jugendliche Mandela. Auch sie spielen Rugby – auf einer Sandhalde. Der Hass zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen schwelt weiter. Der auffälligste Makel von „Invictus“ ist die allgegenwärtige Feindseligkeit und Geringschätzung der Weißen gegenüber den Schwarzen nur anzudeuten. Mit Mandelas Amtsantritt, scheint es, sei die Apartheid ein Relikt der Vergangenheit: „Was vorbei ist, ist vorbei. Wir schauen jetzt nach vorn.“, sagt Mandela in „Invictus“. So bedeutend Vergebung und Versöhnung für die Zukunft sein mögen, sind sie angesichts des Unrecht, welches den Schwarzen widerfuhr, teilweise nur zum Preis der Verdrängung möglich. Morgan Freemans in ihrer Zurückhaltung höchst nuancierter Darstellung ist es zu verdanken, dass auch die inneren Konflikte des Präsidenten, seine Einsamkeit und sein Schmerz, anklingen. Eastwood deutet nur an, dass die Arroganz und das verinnerlichte Herrenmenschendenken der weißen Oberschicht dort wucherte, wo es die Betroffenen am wenigsten sehen wollten: In der Familie.
In einem solchen lupenreinen weißen Heim platziert Eastwood Francois Pienaar. Anstatt hier die Schwierigkeiten der Annäherung von Weißen und Schwarzen detailliert zu verdeutlichen, beschränkt sich „Invictus“ auf verhältnismäßig harmlose Situationen. Die jüngere Generation, zu der auch Pienaar zählt, scheint mit dem Rassismus ihrer Eltern längst abgeschlossen zu haben. Ein trügerischer und naiver Glaube. „Sport kann die Welt verändern. Er kann inspirieren und die Menschen vereinen wie sonst kaum etwas.“
Für einen Moment möchte man die Worte Mandelas in „Invictus“ glauben, sieht man Weiße und Schwarze nach dem Endspiel einander in den Armen liegen. Mit diesem Sinnbild der Versöhnung endet Eastwoods Drama. Das des Rassismus nicht. Bis heute sind die Nachwirkungen des Apartheid-Regimes in Südafrika spürbar. „Die Zeiten ändern sich. Genauso müssen wir uns ändern“, heißt es in „Invictus“. Letztes können weder ein Präsident noch ein Sportereignis bewirken.
Spiel des Lebens.
Nelson Mandela: Morgan Freemann
Francois Pienaar: Matt Damon
Zindzi: Bonnie Henna
Hendrick Boynes: Matt Stern
Regie: Clint Eastwood | USA, 2009
Länge: 134 min | FSK: ab 12 | Buch: Anthony Peckham | Kamera: Tom Stern | Szenenbild: James J. Murakami | Musik: Kyle Eastwood, Michael Stevens | Schnitt: Joel Cox, A.C.E., Gary D. Roach | Produktion: Clint Eastwood

