Humpday
Handlung
Je später der Abend, desto schöner die Gäste. Mitten in der Nacht steht vor der Tür des glücklich verheirateten Andrew, der mit seiner Frau Anna das erste Kind plant, dessen bester Freund Ben. Das fröhliche Wiedersehen konfrontiert den unkonventionellen Backpacker Ben und den soliden Andrew mit den Lebenswegen, die sie zugunsten ihres eigenen ausge-schlagen haben. Auf einer Alkohol und Marihuana umnebelten Party in einer Künstler-Wohngemeinschaft beschließen beide, am „Humpday“, einem Amateurfilmwettbewerb für künstlerisch ambitionierte Pornos, teilzunehmen. In dem Ben und Andrew, obwohl heterosexuell, vor der Kamera miteinander Sex haben, wollen sie die Intensität ihrer Freundschaft beweisen. Am nächsten Morgen wollen beide den Plan verwerfen, doch die Diskussion darüber, wirft tiefere Fragen in ihnen auf. Antwort darauf finden sie nur, wenn sie das Filmprojekt realisieren.
Meinung
Wie komplex „Humpday“ tatsächlich strukturiert ist, lässt sich nur vermuten. Womöglich sind Filmplakat und Titel, die eine vulgäre Sex-Komödie vermuten lassen, gezielte Irreführung, um ein Publikum mit gänzlich anderer Erwartungshaltung umso intensiver mit dem hinter-sinnigen Experimentalfilm zu irritieren. Das Handlungskonzept von „Humpday“ konstruiert Lynn Shelton nach dem Prinzip einer chinesischen Box. Der Zuschauer soll seine Identität hinterfragen, angeregt durch einen Film, in dem Menschen ihre Identität hinterfragen, angeregt durch einen Film-im-Film, der auf die fiktiven Protagonisten und realen Kinozu-schauer gleichermaßen wirken soll. „Ich war immer an den Grenzen sexueller Identität interessiert und daran, wie fließend oder starr diese Grenzen sein können.“, erklärt Shelton zu „Humpday“. Doch die Schranken, denen die amerikanische Regisseurin in ihrem experimentellen Drama nachspürt, umfassen weit mehr als die Sexualität der Protagonisten. Das Kunstprojekt zwingt Andrew und Ben dazu, ihre individuelle Orientierung in einem psychologischen Kontext zu definieren, für den die oberflächliche Unterteilung in „homo“ oder „hetero“ zu schlicht ist. Mit feinem Gespür für die Verworrenheit sozial-kulturellen Prestiges plagen die Charaktere in „Humpday“ Selbstzweifel nicht auf Grund sexueller Abweichungen, sondern ihrer Normalität. Dennoch ist es die Erschütterung dieser Normalität, mit der die Hauptcharaktere kämpfen. Mit bissiger Ironie illustriert „Humpday“, wie fest Heterosexualität mit dem gängigen Konzept sozialer Akzeptanz verwachsen ist.
Die schon im Filmtitel betonte pornografische Thematik betont „Humpday“ dabei nur, um auf die überproportionale Bedeutung des sexuellen Selbstbildes im Alltag zu verweisen. Sexualität ist darin gleichzeitig Symbol und Metapher: für die gesellschaftliche Stellung, die biografische Position, die soziale Rolle aus Eigen- und Fremdwahrnehmung. Systematisch unterminieren die Charaktere in den umfassenden Dialogen, welche die Essenz des Films ausmachen, dieses Überbewertung, in dem sie sich einer schrittweisen Selbstanalyse unterziehen. Dass „Humpday“ trotz ungeschliffener Szenen und der größtenteils improvi-sierten Dialoge gelingt, verdankt er seiner konsequenten Unkonventionalität. Vom tiefgrün-digen psychologischen Selbstfindungstripp schlägt die Handlung den Bogen zur Komödie – nicht mittels infantiler Obszönität, sondern trockenem Sarkasmus mit einer Spur Situations-komik. „It was for one night to experience different people and different things.“, beschreibt Andrew den Reiz der Party Bens und dessen Bekannter. Die gleiche unangepasste Authentizität macht Sheltons Experimentalfilm verlockend. Wie es in einem der Dialoge heißt: „Ich weiß nicht, ob es Kunst ist oder nicht. Aber es lotet Grenzen aus. Und das ist es, was Kunst tun sollte.“
Sex, Alltagslügen und Video.
Andrew: Joshua Leonard
Anna: Alycia Delmore
Ben: Mark Duplass
Monica: Lynn Sheldon
Lily: Trina Willard
Regie: Lynn Shelton | USA, 2009
Länge: 95 min | FSK: ab 16 | Buch: Lynn Sheldon | Kamera: Benjamin Kasulke | Szenenbild: Jasminka Vukcevic | Musik: Vinny Smith | Schnitt: Nat Sanders | Produktion: Lynn Shelton

