Howl


Handlung

„I saw the best minds of my generation destroyed by madness...“ Mit diesen Zeilen begann am 7. Oktober 1955 ein unbekannter junger Schriftsteller in der „Six Gallery“ in San Francisco ein Gedicht vorzutragen. Danach war in der Kunstszene nichts wie zuvor. „Howl“ schrie die Verzweiflung einer verlorenen Welt heraus, besang ihre Schönheit und wandt sich vor ihrem Schrecken. Allen Ginsberg wurde durch sein episches Gedicht zur Stimme der Beat Generation. Beat Generation? Im Interview danach gefragt, lehnt sich der Dichter gelassen zurück: „Es gibt keine Beat Generation. Nur ein paar junge Typen, die ihre Werke veröffentlicht haben wollen.“ Die Staatsanwaltschaft betrachtet „Howl“ weniger gelassen. Ginsbergs Verleger Lawrence Ferlinghetti wird 1957 der Verbreitung obszöner Schriften angeklagt. Ferlinghettis Verteidiger Jake Ehrlich und der energische Staatsanwalt Ralph McIntosh verhandeln Kunst vor Gericht: Besitzt „Howl“ literarischen Wert oder ist es die Ausgeburt eines kranken Geistes? Die Worte aus „Howl“ verschwimmen zu surrealen Bildern zwischen Drogenrausch, Vision, Traum und Wirklichkeit.

Meinung

„Man kann Poesie nicht in Prosa übersetzen. Darum ist es Poesie.“ Auf der Leinwand fällt der Satz zur Verteidigung von Ginsbergs Gedicht. Der spontane Applaus, welchen er unter den Filmkritikern im Berlinale-Palast erntet, ließe sich auch zu Ungunsten des Films interpretieren. So wenig wie in Prosa lässt sich Poesie in Bilder übersetzen. „Howl“ lehnt sich gegen die Unübersetzbarkeit seiner literarischen Vorlage auf, kämpft mit rauschhaften Comic-Visionen gegen sie an. Und erliegt. Die bei dieser Niederlage erlittenen Verluste wiegen schwerer, als es ein kompletter Verzicht auf die Zeichentricksequenzen getan hätte, welche die Rezitation des Gedichts begleiten. „Howl“ versucht in einer Kompilation aus Experimentalfilm und Drama die visionäre Kraft des gesprochenen Wortes zu übertreffen, indem sie eben jene Kraft als das Unübertreffliche anpreist. Paradoxerweise unterstreicht dieses künstlerische Scheitern Epsteins und Friedmans die ungebrochene Kraft des Gedichts. „Es schien uns angebracht, eine filmische Form zu finden, die vermittelt, dass das Gedicht immer noch politisch, sozial und sexuell verstören kann.“, sagte Robert Epstein auf der Pressekonferenz während der Berlinale. Gerade das Provozierende, Aufrührerische, fehlt den animierten Bildern. Sie hätten eine filmische Graphic Novel kreiiert, sagt Epstein. Doch stilistisch bleiben die Tricksequenzen in „Howl“ hinter der schöpferischen Versatilität von Comic-Künstlern wie Alan Moore oder Shaun Tan zurück.

Eindringlich ist „Howl“ in den dokumentarisch anmutenden Szenen des nachgestellten Interviews mit Allen Ginsberg. James Francos intensives Porträt des Dichters berührt dessen sensible Persönlichkeit hinter der nüchternen Fassade. Sechs Mal führten die Regisseure Jeffrey Friedman und Rob Epstein gemeinsam Regie, darunter herausragende Dokumentationen wie „The Celluloid Closet“ und „Common Threads: Stories from the Quilt“. Für die subtilen Momente eines Gesprächs, die Bedeutung minimaler Gesten, die Emotionen, welche in einem flüchtigen Seitenblick liegen, besitzen sie ein unverwechselbares Gespür. Blendet man die animierten Szenen aus, und sieht nur Ginsbgers „Howl“, die enigmatischen Verkörperung des Dichters durch James Franco, die authentischen Fotografien und Filmaufnahmen, welche das Frage- und Antwortspiel vor Gericht pointiert ergänzen, dann ist „Howl“ ein brillanter Film. Schließt man die Augen, beherrscht das schmerzlich-schöne Geheul des Dichters die Dunkelheit des Saals:

„...yacketayakking screaming vomiting whispering facts and memories and anecdotes and eyeball kicks and shocks of hospitals and jails and wars...“

Das Bild eines gewaltigen Zuges interpretiert das „yacketayyakking“ als Räderdonnern. Die Deutungsversuche setzen der Imagination eine Grenze, indem sie ein bestimmtes Bild vorgeben. In den Szenen, in welchen „Howl“ am fantasievollsten sein will, beschränkt er die Fantasie. Für manche Worte gibt es keine Bilder, wie es für manche Bilder keine Worte gibt. Nicht die Bilder, sondern die Worte aus „Howl“ waren es wohl, welche einige Kritiker verfrüht aus dem Saal trieben.

„who let themselves be fucked in the ass by saintly motorcyclists, and screamed with joy“

Von der Leinwand blickt der Dichter ihnen belustigt nach. „Howl“ erinnert an den verkappten Puritanismus der modernen Gesellschaft. So tolerant wie sich die moderne Kulturszene gerne sieht, ist sie nicht. Nackte verrenkte Kinderpuppen, ein konservierter Hai, eine tote Katze als Mode-Accessoire – die Stigmata „obszön“ und „pervers“ werden nach wie vor gerne vergeben. Die Poesie von „Howl“ besteht unverändert gegen jene Intoleranz:

„Everything is holy! Everybody's holy! Everywhere is holy!“

von Lida Bach



Allen Ginsberg: James Franco
Lawrence Ferlinghetti: Andrew Rogers
Jake Ehrlich: Jon Hamm

Neal Cassady: Jon Prescott
Jack Kerouac: Todd Rotondi
Ralph McIntosh: David Strathairn

Regie: Rob Epstein | USA, 2009

Länge: 90 min | FSK: ab 12 | Buch: Rob Epstein, Jeffrey Friedman | Kamera: Edward Lachman | Szenenbild: Russel Barnes | Musik: Carter Burwell | Schnitt: Jake Pushinsky | Produktion: Elizabwth Redleaf, Christine Kunewa Walker, Rob Epstein, Jeffrey Friedman