Herbstgold
Handlung
Dabei sein, ist nicht alles. Dazu trainieren die fünf Protagonisten, die Jan Tenhaven in seinem Dokumentarfilm „Herbstgold“ begleitet, zu hart. Jeder träumt von einem neuen Rekord bei der Weltmeisterschaft, bei der sie im kommenden Jahr in Finnland antreten wollen. Diskuswerfen, Kugelstoßen, Stabhochsprung – die Disziplinen, für die die fünf Sportler trainieren, sind so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeiten. Keinen der für Sportdokumentationen typischen Momenten entbehrt „Herbstgold“, auch nicht den halb stolzen, halb wehmütigen Blick auf vergangene Erfolge. Eine Auszeichnung errang Alfred Proksch bei der Olympiade. 1936 war das. Im nächsten Jahr will er eine weitere im finnischen Lathi erringen. Dann wird er hundert sein. Proksch und seine vier Mitstreiter trainieren für „Herbstgold“. Keiner von ihnen ist unter achtzig, der Wettkampf, zu dem sie antreten, ist die Seniorenweltmeisterschaft. Eines ist gewiss: Alter schützt vor Ehrgeiz nicht.
Meinung
Dokumentarfilmer Jan Tenhaven begleitet das rüstige Quintett auf dem Weg zum Sieg. Nicht bei jedem von ihnen ist es der Sieg im Stadion, immer aber der über die eigene Physis. Respektvoll und dank des lebhaften Temperaments der Protagonisten mit beherztem Humor dokumentiert „Herbstgold“ den unermüdlichen Kampf der Athleten gegen das Alter. Geistig sind die fünf Titelanwärter so rege wie körperlich. Mit selbstironischer Koketterie behandelt die Diskuswerferin Gabre Gabric ihr Alter als streng gehütetes Geheimnis. Behütet zu werden, indem man ihr jeden Handgriff abnimmt, geht ihr auf die Nerven. Alt ist eben nicht gleich altersschwach. Alfred, der bis vor fünf Jahren mit einer Partnerin lebte und nebenher Aktzeichnungen entwirft, vermisst die Zweisamkeit im Rentenalter. Während die verwitwete Kugelstoßerin Ilse nach dem Tod ihres Mannes mit 85 Jahren zu neuer Höchstform anläuft, versucht der 93-jährige Herbert auf dem Sportplatz auch der Trauer zu entfliehen. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers, er kennt sie gut, seitdem seine Frau verstorben ist.
Tod, Gebrechlichkeit und Krankheit stellen sich die Senioren trotzig entgegen. Ihre persönliche Bestleistung zu überbieten, ist das Mindeste, was sie erreichen wollen. Vor der Kamera unterziehen sie sich Arztbesuchen und eisernem Training, überwinden gymnastische und emotionale Hürden. Ihr sportlicher Kampf ist auch der gegen Vorurteile, mit denen sie auf Grund ihrer Jahre konfrontiert sind. 2005 lag der Altenquotient, der das Verhältnis von über 65 Jahren zu Jüngeren angibt, in Deutschland bei 32 Prozent. Für das Jahr 2050 prognostizierte das Statistische Bundesamt einen AQ von 50. „Wir sollten uns daran gewöhnen, in einer Welt mit sehr alten Menschen zu leben.“, sagt Regisseur Tenhaven. „Menschen, die Erstaunliches leisten können.“ Bis an die Schmerzgrenze fordern seine Interviewpartner in „Herbstgold“ ihren Körper. „Das Leben rinnt uns durch die Finger.“, beschreibt Jiri Soukoup seine eiserne Entschlossenheit. „Darum ballen wir die Hände zu Fäusten, um es noch etwas festzuhalten.“
Die beeindruckende Motivation und Leistungsfähigkeit der Protagonisten macht das titelgebende „Herbstgold“ verdient. Er hätte nie gedacht, dass er mal einen Sportfilm macht, sagt Tenhaven, und verrät damit die Stärke seiner Reportage. „Herbstgold“ ist kein Film über Senioren, sondern über Sportler. Ihr Alter tritt im Laufe der Handlung immer mehr zurück, bis es schließlich kaum eine Rolle spielt. Dass eine Bekannte versehentlich Gabres Alter verrät, kann der Athletin egal sein. Man hat es bald wieder vergessen.
Reife Leistung.
Regie: Jan Tenhaven | Deutschland, Österreich, 2010
Länge: 94 min | FSK: ohne Altervorbage | Buch: Jan Tenhaven | Kamera: Marcus Winterbauer, Martin Langner | Musik: Andy Baum | Schnitt: Jürgen Winkelblech | Produktion: Christian Beetz

