Helen


Handlung

Eines Tages ist sie da. Einfach so, ohne Warnung. Helen fühlt sich benommen und leer, sie ist nervös und unkonzentriert. Schließlich fehlt ihr die Kraft, aufzustehen. Einen Grund für ihre veränderten Gefühle scheint es im Leben der glücklich verheirateten Musikprofessorin und Mutter nicht zu geben. Helen ist depressiv. Nicht so, wie man es im Alltag daher sagt, sondern in Form einer ernsthaften psychischen Krankheit. Ihr Ehemann David drängt sie zu einer Therapie, doch die schwere Medikation verschlechtert Helens Befinden. Nur ihre junge Mitpatientin Mathilda zeigt Verständnis für Helen.


Als ihre depressiven Schübe unerträglich werden, flüchtet Helen zu Mathilda. Nach einem erneuten Tiefpunkt der Depression gelangt Helen an einen Endpunkt, welcher der ihres Lebens sein könnte.

Meinung

Regisseurin Sandra Nettelbeck gibt vor, in "Hellen" das Leid einer Betroffenen schildern zu wollen. Dazu, sich auf ihre Hauptfigur einzulassen, ist sie jedoch unfähig. "Helen" betrachtet die Titelfigur mit der klinischen Distanz eines Außenstehenden. Nur aus der Außenperspektive hat Helen "alles", wie eine Bekannte sagt. Unter ihrer äußeren Perfektion quälen Helen Versagensangst und Zelbstzweifel. Durch diese geteilten Empfindungen knüpft sie Freundschaft mit Mathilda. Die von Lauren Lee Smith eindringlich gespielte Musikstudentin ist das dunkle Spiegelbild Helens. Gleich einem bösen Vorzeichen kündigt Mathildas Auftauchen eine Verschlimmerung von Helens Depression an. Durch die Depression gelingt Helen der Ausbruch aus dem sozialen Rollenschema der berufstätigen Mutter und glücklichen Ehefrau. Dieser Ausbruch wird von David als Bedrohung empfunden. Durch ihr Verhalten fühlt er sich vor dem gemeinsamen Umfeld bloßgestellt. Indem er Helens Verweigerung, den Forderungen Anderer zu entsprechen, wie sie es bisher tat, als krankhaft einordnet, kann er in der Rille des Helfers sein Gesicht wahren. Die Empfindungen Helens sind ihm dabei gleichgültig. Er habe keine Ahnung, was sie fühle, sagt David zu Helen, aber er wisse, was er fühle. Sie sei nicht traurig, sagt ein Arzt über Helen. Sie sei krank. Depression ist in "Helen" eine Diagnose, kein emotional relevanter Zustand. Die Trauer wird zum reinen Symptom reduziert, welches nicht den Status eines echten Gefühls habe. Der seelische Schmerz der Betroffen ist jedoch nicht weniger real und leidvoll, weil er neurologische Ursachen hat.

Einzig das intensive Spiel Ashley Judds weckt angesichts Nettelbecks konventionell inszenierter Szenen Anteilnahme für die Titelfigur. Das Drama behauptet unterschwellig, es gäbe eine Pflicht zu dem Befinden, welches die Gesellschaft als gesund bezeichnet. Wer dieser Pflicht nicht nach kommt, macht sich schuldig. Noch verwerflicher bewertet der Film das Ablehnen einer Therapie. Wie "Girl, Interrupted" und "The Snake Pit", welche sich ebenfalls mit dem Thema psychisch erkrankter junger Frauen und Psychiatrie beschäftigten, setzt "Helen" medizinische Behandlung mit Heilung gleich. Wer eine Behandlung verweigere wie Mathilda "will" krank sein, impliziert die Filmhandlung. Direkt und indirekt unterstützen David und die Ärzte Helens Schuldgefühle für ihre Erkrankung. Am Schlimmsten sei für sie, was sie ihm und ihrer Tochter antue, sagt Helen zu David. Niemals könne sie sich das verzeihen. Mathilda hingegen entschuldigt sich nicht: "Ich höre die Musik manchmal lieber laut." Anders als Helen lässt sie sich nicht durch Medikamente betäuben oder Elektroschocks abstumpfen. Diesen Mut, einen eigenen Weg im Umgang mit der Depression zu wählen, inszeniert "Helen" als schädlich und verantwortungslos. Für ihre Unangepasstheit wird Mathilda mit immer neuen Rückfällen in die Depression bestraft. Helen hingegen "lernt" aus ihrem vermeintlichen Fehler, eine Behandlung verweigert zu haben. Fast zärtlich inszeniert "Helen" die Elektrokrampftherapie der Hauptfigur. Nach den Schocks erwacht Helen in gleißend weißen Krankenhausräumen, als sei sie neu geboren.


Zu Beginn wiegt David die apathisch hin und her wippende Helen im Arm. Nach der erfolgreichen Elektrokrampftherapie kann die gesundete Helen auf die gleiche Weise Mathilda wiegen.


Helen ist auf die andere Seite gewechselt. Zu den Gesunden, denen, die von außen auf die Kranken blicken können. Das Ende suggeriert wie so oft bei Filmen dieses thematischen Sujets, mit ihrem Entschluss zur Behandlung habe Helen über ihr Leiden gesiegt. Das Psychodrama verschweigt, dass eine Besserung bei psychischen Erkrankungen selten langfristig ist - und der Preis dafür hoch.

Psychologische Gratwanderung.

von Lida Bach



Helen: Ashley Judd
David: Goran Visnjic

Mathilda: Lauren Lee Smith
Julie: Alexa Fast

Regie: Sandra Nettelbeck | USA, 2009

Länge: 119 min | FSK: ab 12 | Buch: Sandra Nettelbeck | Kamera: Michael Bertl | Szenenbild: Linda Del Rosario | Schnitt: Christian Lonk | Produktion: Judy Tossell, Christian Haebler