Giulias Verschwinden
Handlung
Für einen traurigen Anlass wird Giulias 50. Geburtstag gehalten – ein fast prophetischer Irrtum. Dem besagten traurigen Anlass fährt die reife Dame mit dem Bus entgegen. Jene Busfahrt wird zu einer einschneidenden Erfahrung. Die Seniorin Lena bemerkt, als Alte seien Menschen wie Giulia und sie selbst unsichtbar. Die Jubilarin blickt in die spiegelnde Fensterscheibe und glaubt, nur die anderen Fahrgäste zu sehen. Jenseits der 49 ist man ein Nichts. Parallel zu Giulias abendlicher Busfahrt treffen ihre Bekannten Stefan und Lorenz die letzten Vorbereitungen für ein gemeinsames Festessen anlässlich ihrer Geburtstagsfeier. Nacheinander treffen alle Gäste ein, auch eine Ungeladene sitzt mit am Tisch, nur Giulia selbst fehlt noch. Unterwegs hat sie den älteren John im Brillengeschäft getroffen, von dem sich die nunmehr Fünfzigjährige mit Komplimenten über ihre jugendliche Erscheinung becircen lässt.
Meinung
„Jeder Geburtstag ist ein persönlicher Triumph.“, heißt es in „Giulias Verschwinden“. Nicht wenn er so dröge dahin schleicht wie jener der Titelfigur. Christoph Schaub drehte seine Komödie über das Altern nach einem Drehbuch des Romanautors Martin Suter. Die Dialoge bringen die Schwächen des larmoyanten Figurenspieles auf den Punkt: „Ein trauriger Anlass.“ In der Tat, für den Kinozuschauer, der sich vom universellen Thema des gefühlten und tatsächlichen Alters mehr erhofft hat als müde Seniorenwitze. Um die Altersspanne der Protagonisten und die des Zielpublikums zu erweitern, erlebt man neben „Giulias Verschwinden“ den dümmlichen Versuch zweier Mädchen, einen Ladendiebstahl zu begehen. Man nehme einen möglichst auffälligen Artikel wie ein Paar goldglänzende Turnschuhe und werfe diese in hohem Bogen über die Alarmschranke am Eingang. Merkt keiner? Doch, daher endet der Abend für die Jugendlichen ähnlich unerfreulich wie die Geburtstagsfeier im Altersheim. Zu der ist die Rentnerin Lena ihrerseits auf dem Weg, zum achtzigsten Geburtstag ihrer Freundin. Für die ironische Brillanz dieses doppelbödigen Geniestreichs scheint sich Schaubs Komödie wie für jeden anderen ihrer Einfälle permanent selbst zu gratulieren. „Jemand gestorben?“ Ja, möchte man sagen. Der Herr im nebenliegenden Kinosessel, wahrscheinlich vor Langeweile. Wie sich später herausstellt, sind ihm die Augen nicht auf ewig zugefallen, lediglich für die Dauer des Kinofilms. Übel nehmen kann man es ihm nicht. Verschlafen ist das Sinnvollste, was man mit „Giulias Verschwinden“ tun kann, sofern man einmal in die Vorführung geraten ist.
Corinna Harfouch scheint unvermeidbar, so oft trifft man sie in leidlichen bis miserablen Filmproduktionen. Bruno Ganz ist als John ungeachtet seiner darstellerischen Fähigkeiten wiedereinmal nur Bruno Ganz. Statt mit dem, um eine Formulierung Suters aufzugreifen, „so angelsächsischen“ Namen seines Protagonisten John könnte er sich mit dem eigenen vorstellen. Als wolle er sagen: Bruno Ganz, mehr ist nicht nötig. Die in Giulias Namen anklingende südländische Wärme trifft auf Johns englische Coolness. Um letzte bemüht sind die Sprüche, mit denen er Giulia im Brillengeschäft fasziniert. Das Brillengeschäft ist in „Giulias Verschwinden“ der Treffpunkt für ältere Menschen auf Partnersuche. „Fielman – Young love for old lovers“, um es „so angelsächsisch“ auszudrücken. „Wer ist Martin Suter?“, fragt eine Freundin Lenas in einer Szene. Jedenfalls kein begabter Drehbuchschreiber im Falle von „Giulias Verschwinden“. Die Episoden sind unkomisch und fantasielos. Fade Pointen über Menschen, die bei Beschimpfungen „altes“ verletzender finden als das darauf folgende „Arschloch“, werden aufdringlich herausgestrichen.
„Wer ist das Opfer?“, fragt einer der Geburtstagsgäste. Der Kinozuschauer. Selbst bei traurigen Ereignissen kann die Feier schlimmer sein als ihr Anlass. Die altbackene Komödie lässt selbst den jüngsten Zuschauern graue Haare wachsen. Ein Trost nach „Giulias Verschwinden“ wäre das von Schaubs Film aus den Kinos.
Dinner für keinen oder der 50. Geburtstag.
Giulia: Corinna Harfouch
Lena: Teresa Harder
John: Bruno Ganz
Stefan: Stefan Kurt
Lorenz: Andre Jung
Alessia: Sunnyi Melles
Regie: Christoph Schaub | Deutschland, 2009
Länge: 86 min | FSK: ab 6 | Buch: Martin Suter | Kamera: Filip Zumbrunn | Szenenbild: Susanne Jauch | Musik: Balz Bachmann | Schnitt: Marina Wernli | Produktion: Marcel Hoehn

