Gigante


Handlung

Beobachten ist Teil von Jaras Beruf als Sicherheitskraft eines Supermarkts. Einziger Lichtblick in seinem eintönigen Leben sind für den übergewichtigen Wachmann die Aufnahmen der Überwachungskameras. Kleine Ladendiebstähle der Angestellten und Missachtungen der Hygienevorschrift sind Jara gleichgültig, anders die hübsche Putzfrau Julia.

Mit dem Überwachen nimmt er es zu genau, als sich die Liebe einstellt. Zuerst beobachtet er Julia durch das Kameraauge. Er schleicht ihr auf dem Heimweg hinterher, schließlich ließt er ihre Betriebsakte. Sogar Julias verlorenen Lippenpflegestift sammelt Jara ein, um ihn selbst aufzutragen. Der beleibte Wachmann rückt der jungen Frau immer näher, ohne dass Julia es zu bemerken scheint.

Meinung

"Gigante" ist die unbeschwerteste Voyeurismusstudie, die man sich denken kann. Beschwingt und lustig will "Gigante" sein. Doch Biniez behandelt sein sensibles Sujet so grobschlächtig, wie sein Hauptcharakter sich selbst verhält. Beinah könnte "Gigante" ein Stummfilm sein. Geredet wird einiges. Doch für die Handlung sind die Dialoge so unbedeutend wie für die Figuren. Das Geschehen in "Gigante" vermittelt sich durch Handlungen, vor allem aber durch Blicke. Adrian Biniez inszeniert die Belanglosigkeit von Jaras Dasein so glaubwürdig, dass sich das Gefühl der Banalität auf den Zuschauer überträgt. Einpennen vor dem Fernseher, Kantinenpause mit Kollegen, Arbeitstrott - mit keinem noch so banalen Detail verschont Biniez das Publikum. Die 88 Minuten der Komödie dehnen sich endlos in die Länge, genau wie Jaras Arbeitsstunden. Die Komödie ist nur erträglich, wenn man das spanische Regie- und Drehbuchdebüt von Adrian Biniez als naive Romanze hinnimmt. Dann ließe sich sagen, wie schön, wie herzerwärmend, dass es so etwas gibt. Zwei sind sich so fern und finden doch zueinander. Der Wachmann Jara und die Putzfrau Julia, die Schöne und das Biest, wie im Märchen. Warmherziges Lächeln soll Jaras stumme Anbetung wecken. Mehr als ein mitleidiges Grinsen ist jedoch nicht drin. Den düsteren Unterton krankhafter Obsession will "Gigante" nicht sehen.

Käme "Gigante" weniger naiv daher, könnte die Liebeskomödie ein Thriller sein. Jaras Handeln verklärt "Gigante" zur zärtlichen Anbetung. Der Gaffer soll wie ein Schutzengel wirken, wenn er per Lautsprecherdurchsage den mit Julia schimpfenden Vorgesetzten wegrufen lässt. In der Realität heißt Jaras Verhalten Stalking.


Er verfolgt seine Auserkorenen auf Schritt und Tritt, spioniert in ihrer Betriebsakte, und stellt ihren Bekanntschaften nach. Als Julia entlassen wird, demoliert Jara die Supermarktauslagen, bis ihn drei Wachmänner zu Boden reißen. Selbst hier will "Gigante" noch komisch sein.


Die Besessenheit Jaras legt Hauptdarsteller Horacio Camandulle als harmlos-drolligen Tick an. Aber es braucht nicht viel, um sie abstoßend zu finden. Noch immer erinnert jede stinkende Biotonne an den penetranten Mundgeruch des Möchtegernverehrers, der stets rein zufällig da war, wo man selbst hinzugehen pflegte und gern private Dokumente einsah. Stalker fühlen sich von Regisseur Biniez sicher verstanden. Dass "Gigante" auf der diesjährigen Berlinale den Publikumspreis gewann, ist angesichts der humorvollen Romantisierung von Liebeswahn eher beunruhigend. Wie viele Überwachungsfetischisten verbergen sich im Publikum, wenn Jara soviel Sympathie erntet?

In jedem Kinobesucher steckt ein heimlicher Voyeur. Dass wusste bereits Hitchcock, der den Zuschauer in "Das Fenster zum Hof" die eigene Lust am heimlichen Beobachten vorführte. Doppelbödigkeit sucht man vergebens. Dass die zarte Julia und der unangenehme Jara ein Paar werden, erscheint abschreckend. "Gigante" ist ein trostloses Ungetüm, ein Liebesfilm ohne Romantik, eine humorlose Komödie. Ein trauriger Film, gerade, wenn er am fröhlichsten sein will. Im Kino lohnt genaues Hinsehen. Dann enthüllt sich "Gigante" als gigantischer Fehlschlag.

Der große Bruder beobachtet dich.

von Lida Bach



Jara: Horacio Camandulle
Julia: Leonor Svarcas

Kollege: Fernando Alonso

Regie: Adrian Biniez | Argentinien, 2009

Länge: 88 min | FSK: ab 6 | Buch: Adrian Biniez | Kamera: Arauco Hernandez Holz | Szenenbild: Alejandro Castiglioni | Musik: Adrian Biniez | Produktion: Fernando Epstein