Five Minutes of Heaven
Handlung
Bausteine, alte Figuren, Plastikpistolen. Aber Alistair sucht etwas anderes in seiner alten Spielkiste. Eigentlich ist der Jugendliche viel zu alt für die Kindersachen. Doch der Revolver, den er zwischen dem Spielzeug hervorholt, ist eine echte Waffe. Mit der Pistole geht der 16-Jährige zum Haus der Griffins, deren erwachsener Sohn allein ist. Alistair drückt ab. Den spielenden Jungen, der vor dem Haus die Tat beobachtet, beachtet er nicht weiter. Der Tod gehört für beide zum Alltag: Irland, 1975. Alistair ist Mitglied der britisch gesinnten UVF, sein Opfer war Katholik. Irland, 2008. „Um den Mann zu verstehen, der ich geworden bin, müssen Sie wissen, was für ein Mann ich war.“ Ruhig wiederholt Alistair den vertrauten Satz in der Limousine auf der Fahrt zum Drehort. Die Worte sind Teil der Vorträge, mit denen der erfolgreiche Schriftsteller sein Buch bewirbt – das Buch, in dem er den Mord verarbeitete, den er als Jugendlicher beging. Heute will er sie vor Fernsehkameras vortragen. In einer zweiten Limousine sitzt der Angestellte Joe, nervös, gereizt. Beide Männer fahren zu dem Drehort der Fernsehshow, in der Alistair den jüngeren Bruder seines Opfers treffen soll.
Joe Griffin ist der kleine Junge, der damals den Mord mit ansehen musste. Den Mord an seinem älteren Bruder. Für Alistair hält er nur Hass bereit. Und ein Messer, das er seit den Vorbereitungen zu der Show heimlich bei sich trägt.
Meinung
„Five Minutes of Heaven“ verspricht sich Joe Griffin in Oliver Hirschbiegels gleichnamigem Drama von dem Mord. Wie Alistair will er für einen flüchtigen Moment töten. Beide Kontrahenten sind sich näher, als sie ahnen. Der jugendliche Mörder suchte in der Tat Anerkennung und den Stolz, sich als Freiheitskämpfer zu fühlen. Joe erhofft sich Rache. Nicht nur für den Tod seines Bruders, sondern die Vorwürfe seiner Mutter, welche ihm die Schuld an dem Ereignis gab und seinen jahrzehntelangen Schuldgefühlen. In den tristen Braun- und Grautönen des Irlands der Siebziger verweilt die Vergangenheit in der Gegenwart. Den andauernden emotionalen Konflikt mit der brutalen Landesgeschichte versinnbildlichen die Hauptcharaktere in äußerlich gegensätzlicher, innerlich jedoch ähnlicher Weise. Beider Leben kreisen um das Verbrechen. Joes gedankliche Fixierung darauf kontrastiert mit Alistairs emotionaler Verdrängung, die ihn in eine Existenz ohne persönliche Kontakte getrieben hat. Theaterregisseur Guy Hibbert gliedert sein auf dem Sundance Filmfestival preisgekröntes Drehbuch in vier Akte, deren zermürbende psychologische Spannung in der Konfrontation der Männer gipfelt.
Zu seinem Werk inspirierten Hibbert die realen Begegnungen mit einem nordirischen Attentäter und dem Bruder dessen Opfers. Anders als die Filmcharaktere, welche die gleichen Namen tragen, sind sie sich nie begegnet. Auf konzeptioneller Ebene ist „Five Minutes of Heaven“ ein Durchspielen unterschiedlicher Reaktionsmöglichkeiten und deren möglicher Konsequenzen. Das schauspielerische Duell Neesons und Nesbitts kann jedoch nicht die Lücke kaschieren, welche im Plot klafft. Einzig in den Beschimpfungen des hasserfüllten Joe wird Alistairs drastischer Materialismus angesprochen, welcher ihn sein Verbrechen mehrfach vermarkten lässt: die Tat, seine Läuterung und - womöglich zukünftig - die Konfrontation mit dem Bruder des Ermordeten. Besucht der junge Alistair unmittelbar nach dem Mord eine Disco, hallt der Rhythmus wie Applaus in seinem Kopf wieder.
Joes symbolisches Auslöschen seines Gegners bezeichnet nicht das Verklingen, sondern den Höhepunkt jenes Beifalls. Ein Neubeginn wird für Joe nur dank des Rats des Mörders möglich, dessen emotionale Haltung anders als seine eigene nie hinterfragt wird. Ein zwiespältiger Abschluss. Doch in seiner Ambivalenz nicht unpassend für ein Drama, in dem es keine Sieger geben kann.
Definitiv länger als fünf Minuten spannend.
Alistair Little: Liam Neeson
Joe Griffin: James Nesbitt
junger Alistair: Mark Davison
Mrs. Griffin: Anamaria Marinca
Regie: Oliver Hirschbiegel | Großbritannien, 2009
Länge: 90 min | FSK: ab 12 | Buch: Guy Hibbert | Kamera: Ruairi O´Brien | Szenenbild: Mark Lowry | Musik:David Holmes, Leo Abrahams | Schnitt: Hans Funck | Produktion: Eoin O´Callaghan

