Elf Uhr Nachts
Handlung
Ferdinand und Marianne sind ein Gangsterpärchen. Ferdinand oder "Pierrot", wie sie ihn grundsätzlich nennt, bringt Marianne, die Babysitterin seiner Kinder, nach Hause und beschließt, mit ihr durchzubrennen. Sie geraten zwischen die Fronten einer mysteriösen Gang, es gibt Tote, und von da an sind die beiden auf der Flucht. Kreuz und quer fliehen sie bis ans Meer und werden schließlich getrennt.
Als Ferdinand von Mariannes Tod erfährt, sprengt er sich selbst auf einer Klippe in die Luft.
Meinung
Fünf Jahre nach seinem fulminanten Debüt "À bout de souffle" kehrte der große Rebell des französischen Kinos zur Thematik seines ersten Spielfilms zurück und holt auch Jean-Paul Belmondo wieder an Bord, den er selbst entdeckt hatte und der inzwischen zu einem großen Star geworden war. Ansonsten hat sich vieles geändert: Godards Storytelling ist noch um ein vielfaches fragmentarischer geworden, er dreht nun in Farbe und in Cinemascope, und die Zitate sind beinahe uferlos geworden. Es wimmelt von Anspielungen nicht nur auf die Filmgeschichte, sondern auch auf die Literatur und Malerei, aber es fehlt auch nicht die Populärkultur, etwa in Form eines Chansons, gesungen von Marianne, die von Godards damaliger Ehefrau Anna Karina gespielt wird, oder von Cameo-Auftritten des Hollywoodregisseurs und Enfant terrible Samuel Fuller oder der Prinzessin Aicha Abidir.
Nicht geändert hat sich dagegen Godards Drehmethode: Wieder zog er ohne Drehbuch, nur mit einem vage fixierten schriftlichen Konzept los, dafür mit einer umso reichhaltigeren Sammlung an Notizen. Und was dem Zuschauer an geradliniger Geschichte vorenthalten wird, das bekommt er im Überschuss auf anderen Eben zurück. Es heißt, Godard sei mit einem Farbeimer am Set herumgelaufen und habe immer wieder Wände bunt gestrichen. Das ist nicht schwer zu glauben, zeichnet sich der Film doch durch eine äußerst intensive Farbigkeit aus, in der insbesondere die Primärfarben immer wieder wie pastos aufgetragen die Leinwand füllen. Diese Geradlinigkeit der Bildgestaltung sucht auch heute noch seinesgleichen. Daneben werden die zentralen Themen immer und immer wieder durchexerziert. Godard zeigt Marianne und Ferdinand als archetypisches Modell für Mann und Frau. Der Mann wird mit dem Geist, die Frau mit der Emotion assoziiert. Immer wieder spielt Godard die gleichen Muster unter veränderten Vorzeichen durch, so dass sich innerhalb des Films vieles gespiegelt an anderer Stelle wiederfindet, und letzten Endes fast jede Aussage an anderer Stelle aus anderem Blickwinkel anders getroffen wird. Nicht zuletzt darf natürlich auch die Selbstreferentialität nicht fehlen, wenn Marianne sich im Auto plötzlich direkt an den Zuschauer wendet.
Obwohl "Elf Uhr Nachts" bzw. im Original "Pierrot le fou" nicht ganz so erfolgreich war wie sein Vorgänger "Alphaville", gewann Godard den Kritikerpreis beim Festival in Venedig 1965. Vieles weist schon auf "Weekend" voraus, auf den Film, mit dem er zwei Jahre später seinen zwischenzeitlichen Abschied vom Kino verkündete. Auch heute gilt "Pierrot le fou" noch als einer der zugänglichsten Filme von Godard und als Meilenstein des Kinos, der nichts von seinem überbordenden Ideenreichtum verloren hat.
Verschiedene Blickwinkel.
Ferdinand ("Pierrot"): Jean-Paul Belmondo
Marianne: Anna Karina
Ferdinands Frau: Graziella Galvani
Mariannes Bruder: Dirk Sanders
Als er selbst: Samuel Fuller
Als sie selbst: Prinzessin Aicha Abidir
Mann im Kino: Jean-Pierre Léaud
Regie: Jean-Luc Godard | Frankreich, Italien, 1965
Länge: 110 min | FSK: ab 12 | Buch: Jean-Luc Godard, Lionel White (Vorlage) | Kamera: Raoul Coutard | Szenenbild: Pierre Guffroy | Schnitt: Francoise Collin | Produktion: Georges de Beauregard

