Elephant
Handlung
Ein ganz normaler Tag an einer Highschool in den USA. Da gibt es den erfolgreichen Sportler und seine Freundin, den kreativen Künstler, der gerne fotografiert, die Außenseiterin mit der Brille, die sich in der Umkleide nicht ausziehen mag.
Und auch den Klavierspieler und seinen Freund, die mit Waffen in die Schule kommen und ein Massaker veranstalten.
Meinung
Regisseur Gus Van Sant zeigt uns seine vielen Protagonisten in langen Einstellungen und vielen Plansequenzen. Dabei folgt er den Darstellern mit der Kamera, meistens von hinten, so dass wir nur ihre Hinterköpfe vor der sich verändernden Umgebung sehen, fast wie in einem Ego-Shooter-Spiel. So begleitet die Kamera die Darsteller durch die leeren, halligen Gänge und Räume der Highschool. Durch diese dokumentarische Kamera kommen wir den Protagonisten sehr nahe, bekommen von den Schülern und der Schule einen realistischen Eindruck, als ob wir uns selbst in ihr befinden würden.
Sant setzt die vielen verschiedenen Charaktere der Schüler sehr geschickt miteinander in Verbindung, ein Schüler führt uns zu der Geschichte des Nächsten, die alle parallel laufen. Dabei verknüpft Sant die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft so außerordentlich clever miteinander, dass man immer das Gefühl hat, alle Geschichten und Handlungsstränge würden im Jetzt und in Echtzeit passieren. Die Anknüpfungspunkte der miteinander verwobenen Zeit- und Erzählebenen sind mit einfachen, aber prägnanten Übergängen verbunden. Und trotz der vielen Protagonisten erinnern wir uns an jeden Einzelnen und seine Besonderheit, auch wenn wir sie nur im Hintergrund vorbei huschen sehen. Für „Elephant“ gab es kein ausgearbeitetes Drehbuch, die Dialoge wurden zusammen mit den Schülern, allesamt Laiendarsteller, entwickelt, wodurch sie sehr authentisch wirken.
Sant zeigt uns in nüchternen Bildern einen Schnitt durch die gesamte Schülerschaft, zeigt uns Jugendliche, die sich nach jedem Essen in der Mensa gemeinsam auf dem Schulklo übergeben, deren Väter sie schon morgens betrunken zur Schule fahren, die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft oder den Hänseleien der Mitschüler haben, es ist fast schon eine Sozialstudie. Zwischendrin immer wieder formale Besonderheiten, eine plötzliche Zeitlupe, ein abrupter Lichtstimmungswechsel. Der Film ist in zwei Hälften unterteilt. Er beginnt mit einem Himmel, an dem die Wolken vorüber ziehen, der uns in den Schulalltag einleitet, wo uns die verschiedenen Protagonisten und ihre Geschichten begegnen. Dann folgt wieder das Bild des Himmels, doch es ziehen dunkle Wolken auf und in der Ferne hören wir schon das Donnern.
Schon im ersten Teil wird die Ankunft der beiden Attentäter Alex und Eric gezeigt, man spürt schon das drohende Unheil, der Film verfolgt allerdings die parallel laufenden Handlungen der anderen Protagonisten weiter. Im zweiten Teil sehen wir immer häufiger Alex und Erics Handlungen, vom Bestellen der Waffen über ihr Besprechen des gemeinsamen Planes des Massakers bis hin zu Alex einfühlsamem Klavierspiel.
Der Film verzichtet bei den Vorbereitungen zum Massaker auf jegliche Effekthascherei und zeigt sie stattdessen völlig unspektakulär. Wir folgen Alex und Eric in die Highschool, immer dicht hinter ihnen, sehen ihnen dabei zu, wie sie einen Schüler nach dem anderen abknallen. Es sind distanzierte Bilder von zwei gefühlskalten Jugendlichen und gerade diese Distanz lässt den Wahnsinn noch grausamer erscheinen. Und am Ende bleibt wieder nur der Himmel. Dass Sant das Verhalten der beiden jugendlichen Attentäter nicht hinterfragt, ist mutig und vor allen Dingen verständlich. Denn das Verhalten der beiden Jugendlichen erklären zu können, hieße, es zu verstehen und das tut Sant wie die meisten Anderen auch nicht.
Beklemmende Verfolgungen.
Alex: Alex Frost
Eric: Eric Deulen
Regie: Gus Van Sant | USA, 2003
Länge: 78 min | FSK: ab 12 | Buch: Gus Van Sant | Kamera: Harris Savides | Ton: Leslie Shatz | Szenenbild: Benjamin Hayden | Schnitt: Gus Van Sant | Produktion: Meno Film and Blue Relief production

