The Visitor - Ein Sommer in New York
Handlung
Die Gäste sind schon vor ihm da. Der verschlossene Witwer Walter Vale ist anlässlich der geschäftlichen Präsentation eines Projekts, unter welchem lediglich formell sein Name steht, nach New York gereist. In seinem dortigen Apartment findet er zwei Fremde vor. Der Musiker Tarek und dessen Freundin Zainab, denen die Wohnung von einem Betrüger vermietet wurde, sind von Walters Auftauchen ebenso überrascht wie er über seine unerwarteten Mitbewohner. Aus Mitleid für das nun obdachlose Paar lässt der zurückhaltende Walter beide weiterhin bei sich wohnen. Zwischen ihm und Tarek wächst eine tiefe Freundschaft, welche die gemeinsame Begeisterung für das Trommelspiel verstärkt. Indem er Walter das Instrument lehrt, eröffnet Tarek dem resignierten Witwer die Möglichkeit, seine bisher verdrängten Gefühle auf kreative Weise auszudrücken. Doch der gemeinsame „Sommer in New York“ verliert seine Unbeschwertheit, als Tarek zu Unrecht verhaftet wird. Dem illegalen Einwanderer droht die Abschiebung. Während Walters Bemühungen um Tareks Bleiberecht lernt er dessen elegante Mutter Mouna kennen.
Doch die zaghafte Liebe, welche zwischen ihnen keimt, kann nicht von Dauer sein. Denn sollte Tarek abgeschoben werden, will Mouna mit ihrem Sohn gehen.
Meinung
Fremdsein und Entwurzelung sind die Kernthemen von Thomas McCarthys Drama über eine ungewöhnliche Freundschaft. Das Gefühl des Verlustes des Heims, sei es emotionaler oder kultureller Natur, eint Tarek und Walter. In einer ungewöhnlichen Abwandlung der konventionellen Struktur des Einwandererdramas ist es jedoch nicht Tarek, sondern Walter, der mit Entfremdung und Isolation kämpft. „The Visitor“ lautet der hintergründige Originaltitel von „Ein Sommer in New York“. Jener Besucher ist Walter selbst, fremd geworden in einer Welt, zu der er nach dem Tod seiner Frau den Bezug verloren hat, ein Gast in dem einstigen gemeinsamen Heim, in welchem er sich nicht mehr zu Hause fühlt. Aus dem Leben hat sich der Hauptcharakter systematisch zurück gezogen. Selbst unter dem beruflichen Projekt, welches er in New York vorstellen soll, steht sein Name nur pro forma. Es scheint, als drohe Walter sich in der Anonymität seiner Isolation aufzulösen. Aus dem seelischen Exil führt ihn durch einen skurrilen Zufall der Kontakt mit realen Exilanten. Dass diese zentrale Begegnung in „Ein Sommer in New York“ stark konstruiert ist, ist den deutlich spürbaren politischen Intentionen des Dramas geschuldet.
Tarek und Zainab haben sich in ihrer neuen Heimat eingelebt; entsprechend sind sie es, welche Walter freundschaftlich aufnehmen in der Wohnung, welche eigentlich ihm gehört. Das illegal eingewanderte Paar zeigt sich gastfreundlich, während beide selbst schmerzlich erfahren müssen, dass sie unerwünschte Gäste in den USA sind. Verzweifelt klammerte Walter sich zuvor an die Erinnerung an seine verstorbene Frau, deren Gedenken er bewahren möchte, in dem vergeblichen Versuch, Klavier zu spielen, wie sie es konnte. Im Kontrast zu dieser beinahe morbiden Rückwärtsorientierung steht das Trommelspiel, welches Tarek Walter näher bringt. Das Thomas McCarthy es gut meint mit seiner liberalen Botschaft, manchmal allzu gut, führt zu einigen prätentiösen Momenten in dem ruhigen Figurendrama. Am stärksten ist „The Visitor“, wenn er Gesten und Blicke sprechen lässt, besonders die des hervorragenden Hauptdarstellers Richard Jenkins. Dann wiegt ein sarkastischer Humor, eine bitter-süße Komik die Schwere der Thematik auf. Trotz seiner Tendenz zur Sentimentalität verarbeitet „Ein Sommer in New York“ seine komplexe Problematik mit der gebührenden Ernsthaftigkeit.
Die amerikanische Einwanderungsbehörde bleibt unerbittlich. Walter steht ein erneuter, doppelter Verlust bevor: Der seiner Liebe Mouna und der des Freundes Tarek. Doch der Resignation setzt „The Visitor“ eine Note trotziger Selbstbehauptung entgegen. „Ein Sommer in New York“ endet mit einem symbolischem Aufschrei: Dem unerschütterlichen - wenn vielleicht auch zu optimistischen - Glauben, die innere Freiheit könne dem Einzelnen nicht genommen werden. Auch ohne ein unglaubwürdiges Happy End eine Hoffnungsbotschaft vermitteln zu können, ist die wahre Stärke des Films.
Hoffnungsvoll.
Walter Vale: Richard Jenkins
Tarek: Haaz Sleiman
Zainab: Danai Jekesai Gurira
Mouna: Hiam Abbass
Regie: Thomas McCarthy | USA, 2007
Länge: 108 min | FSK: o. A. | Buch: Thomas McCarthy | Szenenbild: John Paino | Kamera: Oliver Bokelberg | Schnitt: Tom McArdle | Produktion: Jeff Skoll

