Ein andalusischer Hund
Handlung
Vergesst die Überschrift! Von Handlung kann hier keine Rede sein. Es war einmal: Ein Mann schärft sein Rasiermesser, hebt den Blick zum Himmel; eine dünne Wolke schiebt sich vor den Mond, zerteilt ihn in zwei Hälften; der Mann zerschneidet das Auge einer Frau mit dem Rasiermesser. Acht Jahre später: Ein anderer Mann fällt vom Fahrrad, trägt Nonnenkleidung, hat Krawatten dabei; aus einem Loch in seiner Hand krabbeln Ameisen. Auf der Straße: Eine Menschenansammlung schart sich um eine abgetrennte Hand, eine Frau stößt sie mit einem Stock; später steht sie allein auf der Straße, unbeweglich, die Autos rauschen an ihr vorbei; sie wird überfahren, weggetragen. Im Zimmer: Der Mann greift der Frau an die Brüste; unter seinen Händen verschwinden ihre Kleider, unter seinen Händen verwandeln sich die Brüste in ein Gesäß; die Frau wehrt sich, der Mann schleppt ein Klavier, einen toten Esel und zwei Seminaristen an zwei Seilen durch den Raum. Gegen drei Uhr morgens: Der Mann liegt in Nonnenkleidung im Bett, ein anderer ist an der Tür; es kommt zur Auseinandersetzung, der Mann wirft die Nonnenkluft aus dem Fenster. 16 Jahre vorher: Bücher verwandeln sich in Pistolen, der Mann erschießt den Anderen; im Wald wird seine Leiche gefunden, weggetragen. Im Zimmer: Ein Totenkopffalter sitzt an der Wand; der Mann taucht auf, sein Mund verschwindet, die Frau schminkt ihren lieber nach; statt eines Mundes wachsen dem Mann die Achselhaare der Frau, sie kann nicht darüber lachen. Am Strand: Die Frau und ein Mann gehen spazieren, finden die Nonnenkleidung des Mannes. Im Frühling: Beide sind bis zum Hals im Sand vergraben, vermutlich tot. Fin. 16 Minuten sind vorüber; vom andalusischen Hund fehlt jede Spur.
Meinung
„Ein andalusischer Hund“ kann mit Recht als Manifest des surrealistischen Films bezeichnet werden. Die Drehbuchautoren Luis Buñuel und Salvador Dalí bedienten sich der Technik des automatischen Schreibens, denn ihre Gemeinschaftsarbeit sollte weder rational noch psychologisch zu erklären sein. In rein assoziativer Manier reihen sie verstörende Bilder aneinander, deren Botschaft nicht nur kryptisch, sondern augenscheinlich gar nicht vorhanden ist.
Besondere Bekanntheit erlangte die erste Szene, die den Rest des Films beinahe in den Schatten stellt: Buñuel zerschneidet seiner stoischen Filmpartnerin mit einem Rasiermesser das Auge (bei dem es sich in Wirklichkeit um das Auge einer Kuh handelte). Die beiden Surrealisten hatten damit eine globale Sprache gefunden, die Sprache des Schreckens. „Ein andalusischer Hund“ rührt an die Urängste des Menschen. Lässt der erste Zwischentitel „Es war einmal“ noch auf ein Märchen aus Kindertagen hoffen, wird der Zuschauer in den folgenden fünfzehn Minuten auf einen Höllentrip durch Raum und Zeit geschickt. Rücksichtslos bricht „Ein andalusischer Hund“ mit allen Regeln und Konventionen des jungen Mediums Film, das gerade erst im Begriff war, eigene Regeln und Konventionen aufzustellen. Geradezu anarchistisch mutet es an, wie sich Buñuel und Dalí gegen die narrativen Prinzipien D.W. Griffiths, des russischen Revolutionskinos und der sich soeben definierenden Découpage classique zur Wehr setzen. Kohärenz? Continuity? Fehlanzeige. Zusammen mit den Arbeiten Dziga Wertows steht ihr Experiment in einer Reihe von Werken, in denen Ende der Zwanziger die Möglichkeiten und Grenzen des Films ausgelotet wurden. Die Besonderheit, die „Ein andalusischer Hund“ diesbezüglich auszeichnet, ist die Schock-Montage, der Walter Benjamin in seiner Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ sogar einen lebenspraktischen Nutzen zuschreibt: „Der Film ist die der gesteigerten Lebensgefahr, der die Heutigen ins Auge zu sehen haben, entsprechende Kunstform. Das Bedürfnis, sich [S]Chockwirkungen auszusetzen, ist eine Anpassung der Menschen an die sie bedrohenden Gefahren.“ „Ein andalusischer Hund“ war ein traumatisierender, aber letztlich heilsamer Schock eines Mediums auf der Suche nach sich selbst.
Angesichts der albtraumhaften Szenen des Films wird offensichtlich, woher Maya Deren, David Lynch, David Cronenberg und viele andere ihre Inspiration beziehen. Dass der Film noch heute Irritation und Unbehagen hervorzurufen vermag, ist ein Beleg für die Kraft und Intensität seiner Bilder. Der Mensch sehnt sich nach Ordnung, nach Vertrautem und – vor allem – nach Erklärungen. „Ein andalusischer Hund“ verweigert die Befriedigung dieser grundlegenden Bedürfnisse konsequent und konfrontiert sein Publikum mit enigmatischen Bildfolgen, die der moderne Zuschauer wohl als „Mindfuck“ deklarieren würde. Als einzige Konstanten fungieren die Gleichzeitigkeit des Disparaten und die Verwirrung als oberste Maxime. Wer könnte schon mit Sicherheit sagen, ob sich eine Szene in der vermeintlichen Realität oder in der Fantasie der Protagonisten abspielt?
Obwohl Dalí und Buñuel stets betonten, dass sich ihr Film jeder Deutung entziehe, sollte man nicht den Fehler begehen, das Werk nicht interpretieren zu wollen. Die andeutungsreichen Bilder bieten genügend Raum für Spekulationen über das Unbewusste. Dass Sigmund Freuds Schriften zur Traumdeutung einen großen Einfluss auf die Riege der Surrealisten ausübten, ist hinlänglich bekannt. Lässt sich also vielleicht doch eine Geschichte aus „Ein andalusischer Hund“ herauslesen oder, besser gesagt, in ihn hineinlesen? Eine Geschichte, die von Homosexualität, Gewaltfantasien, Emanzipation und gesellschaftlichen Zwängen handelt? Wie bei kaum einem anderen Film muss die Beantwortung dieser Fragen jedem Einzelnen überlassen bleiben. Vermutlich aber sagt die Interpretation dieses Werks mehr über denjenigen aus, der sie anstellt, als über den Film und dessen Urheber.
Aufwühlender Experimentalklassiker jenseits der Grenzen von Logik und Verstand
Mann mit Rasiermesser: Luis Buñuel
Frau: Simone Mareuil
Mann: Pierre Batcheff
Seminarist: Salvador Dalí
Regie: Luis Buñuel | Frankreich, 1929
Länge: 16 min | FSK: ab 18 | Buch: Salvador Dalí, Luis Buñuel | Kamera: Albert Duverger, Jimmy Berliet | Szenenbild: Pierre Schild | Schnitt: Luis Buñuel | Musik: Richard Wagner | Produktion: Luis Buñuel

