Distanz
Handlung
An dem Abend, als Daniel zum ersten Mal mit Jana ausgeht, fühlt er etwas Neues in sich. Extra für ihn hat Jana sich schön gemacht, obwohl viele Mitarbeiter aus dem Botanischen Garten hinter der jungen Kollegin her sind. Etwas zieht Jana zu Daniel, dem Einzelgänger, den Andere verspotten. Trotz seiner Verschlossenheit gelingt es ihr, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Doch lange kann sie die Augen nicht vor dem verschließen, was sie verdrängen will: Was Daniel tut, wenn er nachts fortgeht. Wozu er ein Gewehr versteckt. Dennoch hält sie zu ihm, bis sein Tagebuch sie mit der Wahrheit konfrontiert: Am Abend ihrer Verabredung hat Daniel einen Menschen erschossen. Sie, schreibt er, hat ihm dabei geholfen.
Und Jana hilft ihm weiter. Sie schützt Daniel vor der Polizei und hilft, seine Taten zu vertuschen. Während sie die Distanz zwischen ihr und Daniel zu überwinden glaubt, gerät sie selbst in die Schusslinie.
Meinung
In kühlen Farben, welche die emotionale Kälte des Hauptcharakters symbolisieren, inszeniert Regisseur und Drehbuchautor Thomas Sieben seine eindringliche Studie über einen Serienmörder. Die im Titel zitierte „Distanz“ weitet er auf ein psychologisches, soziales und emotionales Spektrum aus. Zusammengenommen vermittelt es die Entrücktheit Daniels von seinem Umfeld, die weder er selbst noch Jana überwinden können.
„Distanz“ bezeichnet die Entfernung zwischen Schütze und Ziel, zwischen dem Täter und seinen objektivierten Opfern, zwischen Daniel und seinen Gefühlen. Statt Menschen nahe zu sein, beobachtet er sie, ruhig und kalkuliert. Zuerst aus der Entfernung, dann durch sein Zielfernrohr. Seine extreme Selbstbeherrschung mündet im völligen Kontrollverlust gegenüber dem Impuls zum willkürlichen Mord. Das Töten lockt ihn mit ähnlicher Anziehungskraft, wie er sie auf Jana ausübt. Empfindungen weckt es in ihm nicht. Befremdet berührt Daniel in einer Szene einen toten Fuchs, den eine Jagdgesellschaft vor seinen Augen erlegt hat. Später wird er eines ihrer Jagdgewehre stehlen, um damit seinen ersten Mord zu begehen. Wieder wird er dann in die Wunde des Opfers fassen, nur dass es diesmal ein Mensch ist. „Besser zu wenig als zu viel.“, benennt Jana Daniels pathologische Gefühlsarmut und vermittelt gleichzeitig deren vorbehaltlose Akzeptanz. Das Zuviel fühlt sie selbst. Sie verletzt die normale zwischenmenschliche Distanz, indem sie heimlich Daniels Tagebuch liest und geht in ihrer Hingabe bis zur Aufopferung, der eigenen und der möglicher zukünftiger Mordopfer Daniels.
Fast vegetativ erscheint Daniels Existenz und nur vegetativen Lebewesen fühlt er sich verbunden. Nie wirkt er so entspannt wie in der Natur, im Park sucht er Ausgleich, doch nicht als Spaziergänger, sondern als Scharfschütze. Pflanzenbilder hängen in seiner Wohnung, Jana schenkt er eine Topfpflanze. Nach jeder Tat gräbt er in den Beeten des Botanischen Gartens Erde um, ein sinnbildliches Vergraben der Schuld in seinem Inneren. Regisseur Sieben konstruiert sein Drama systematisch um das Krankheitsbild der schizoiden Persönlichkeitsstörung. Affektarmut, geringe Empathie, Antriebslosigkeit - so präsent sind die kennzeichnenden Symptome, dass sie die Handlung transzendieren. Eine gefühlte Distanz bleibt auch zu den Charakteren. Dank der präzisen Darsteller gelingt Sieben dennoch ein intensives Psychodrama: rau, authentisch und analytisch-kalt.
Die Stille nach dem Schuss.
Daniel Bauer: Ken Duken
Jana: Franziska Weisz
Christian: Josef Heynert
Regie: Thomas Sieben | Deutschland, 2009
Länge: 82 min | FSK: ab 16 | Buch: Thomas Sieben | Kamera: Rene Dame | Szenenbild: Daniel Volckamer | Schnitt: Charlie Lezin | Produktion: Michael Frenschkowski

