Die Nacht des Jägers
Handlung
In einer kleinen amerikanischen Stadt am Ohio River wird Ben Harper verhaftet, der bei einem Banküberfall zwei Menschen getötet und 10.000 Dollar gestohlen hat. Kurz bevor die Polizeiwagen auf seinen Hof fahren, kann er aber seinen Kindern Pearl und John das Geld anvertrauen. Im Gefängnis trifft er auf „Reverend“ Harry Powell, der wegen eines kleineren Delikts in Haft sitzt. Als der zum Tode verurteilte Ben im Schlaf von seiner Tat redet, wird Powell hellhörig und schmiedet den Plan, sich Willa, der Frau von Ben, anzunähern, um an das Geld zu kommen. Wieder in Freiheit macht er sich in Predigergestalt zu der Familie Harper auf. Er erschleicht sich mit seiner sympathischen Art ihr Vertrauen und heiratet kurze Zeit später die Witwe. Doch der nette Prediger birgt ein dunkles Geheimnis. Harry Powell ist ein psychopathischer Frauenhasser und Mörder. Als er nach kurzer Zeit feststellt, dass nur die Kinder das Versteck des Geldes kennen, bringt er seine Frau in Rage um, während den Kindern die Flucht gelingt. Mit dem wahnsinnigen Prediger stets an ihren Fersen, treiben sie in einem kleinen Boot den Ohio River hinab. Sie kommen nach ihrer Irrfahrt bei einer älteren Dame unter, die sich um Waisenkinder kümmert.
Die resolute Lady schreckt auch vor Waffengewalt nicht zurück und bringt Prediger Powell, der mittlerweile Pearl und John aufgelauert hat, zur Strecke.
Meinung
"Die Nacht des Jägers“ fiel bei seiner Erstaufführung beim Publikum und bei der Kritik durch. Erst als man den Film in den 1980ern wiederentdeckte, gelangte er zu dem Status, den er heute hat: Ein Meisterwerk des Psychothriller-Genres. Doch das ist Etikettenschwindel. Den Regisseur des 1955 gedrehten Films, Charles Laughton, kennen Filmliebhaber als begnadeten Hollywood-Schauspieler, der in Deutschland unter anderem auch bekannt geworden ist durch seine Verkörperung des „Quasimodo“, den Buckligen von Notre Dame. So „halbgeformt“ wie der Glöckner ist leider auch Laughtons Regiearbeit in "Die Nacht des Jägers", die seine Erste und Letzte bleiben sollte.
Die Geschichte, die der Filmkritiker und Drehbuchautor James Agee nach einem Roman von Davis Grubb geschrieben hat, liefert eine spannende Prämisse, die einen interessanten Psychothriller verspricht. Doch leider verfängt sich Laughton in einem Netz aus Symbolismus, Parabeln und Bibelzitaten. Zu überambitioniert geht er an die Story heran und überlädt teilweise seine Bilder gnadenlos. Das beste Beispiel hierfür ist die Flussfahrt. Als die Kinder den Ohio River entlangschippern, kommen sie nach und nach an Tieren vorbei, die am Ufer sitzen – die Kamera stellt diese so in den Vordergrund, dass man eine Bedeutung hinter ihnen vermutet. Doch die Metaphorik erschließt sich nicht. Eine Spinne mit ihrem Netz, mag da noch einigermaßen schlüssig sein – die Kinder laufen Gefahr, sich im Netz des Predigers zu verfangen – doch ein Frosch, ein Hase und eine Schildkröte wirken irgendwie fehl am Platz. Auch der ständige Verweis auf die Bibel, besonders gegen Ende, strapaziert den Zuschauer. Viel zu moralinsauer bricht „Die Nacht des Jägers“ herein.
Sehenswert ist das Werk dennoch, was größtenteils an seiner außergewöhnlichen Ästhetik liegt. Komplett in schwarz-weiß gedreht, liefert Laughton und sein Kameramann Stanley Cortez ein Spektakel aus Licht und Schatten, das in ausgewählten Momenten an die expressionistische Filmarbeit eines Fritz Langs oder eines Friedrich Wilhelm Murnaus erinnert - wie Nosferatus Schatten im Treppengang bei Murnau taucht der Schatten des Predigers unverhofft und Angst einflößend im Zimmer der Kinder auf. Laughton findet drastische Bilder, die beim Zuschauer haften bleiben, wie auch die Unterwassereinstellung, die die Leiche der ermordeten Willa zeigt. Leider bleiben die wirklichen Schockmomente viel zu selten. Immer wieder wird die Suspense der Story durch eine zu brave Inszenierung im Keim erstickt.
Der größte Schwachpunkt des Films ist allerdings seine Titelfigur. Der jagende „Reverend“ Harry Powell kann uns heute, nachdem wahnsinnige Leinwandmonster wie Hannibal Lecter und Michael Myers uns das Fürchten gelehrt haben, nicht mehr so wirklich vom Hocker reißen. Seine psychopathische Art wirk pathetisch und überzogen, und dadurch manchmal sogar lächerlich, passend dazu das übertriebene Schauspiel Mitchums. Wenn der Prediger zum x-ten Mal seine Parabel von Gut und Böse mit den ringenden Händen, auf denen er H-A-T-E und L-O-V-E eintätowiert hat, vorführt, wirkt das absurd komisch – es ist quasi der Running-Gag des Predigers. Und in der Szene, in der die Kinder ihm im Keller entkommen, indem sie zunächst ein Regal umstoßen, das auf ihn stürzt, dann die Treppen hoch rennen und schließlich die Finger des ihnen folgenden Schurken in der Kellertür einklemmen, bekommt der Film sogar Züge einer alten Slapstick-Klamotte. Man wartet fast darauf, dass Powell am Ende der Szene konsterniert in die Kamera schaut, wie Ollie, wenn ihm Stan mal wieder die Planken um die Ohren gehauen hat. Die unfreiwillig komischen Einlagen, dazu gehört auch das merkwürdige Aussehen und Verhalten der kleinen Pearl, machen es schwer, sich auf die Spannung der Handlung einzulassen.
Was bleibt, ist ein ästhetisch ansprechender, aber kein fesselnder Film. „Die Nacht des Jägers“ ist ein surrealer Albtraum, der sein Versprechen nicht einhalten kann. Er funktioniert heute bestenfalls als expressionistisch angehauchtes Märchen, aber nicht als düsterer Psychothriller, als der er angepriesen wird.
Jagt keine Angst ein.
Ben Harper: Peter Graves
John Harper: Billy Chapin
Pearl Harper: Sally Jane Bruce
Harry Powell: Robert Mitchum
Willa Harper: Shelley Winters
Rachel Cooper: Lillian Gish
Regie: Charles Laughton | USA, 1955
Länge: 88 min | FSK: ab 12 | Buch: James Agee | Kamera: Stanley Cortez | Szenenbild: Hilyard M. Brown | Schnitt: Robert Golden | Produktion: Paul Gregory

