Die Milchstraße


Handlung

Jean und Pierre, zwei Clochards aus Paris, machen sich zu Fuß und mit einem Auftrag auf die lange Pilgerreise ins ferne Santiago de Compostela. Auf ihrem Weg dorthin begegnen sie einer Vielzahl merkwürdiger Gestalten aus verschiedenen Jahrhunderten, die allesamt mehr oder weniger an Gott glauben und mitunter mit dem Einsatz ihres Lebens für die eine oder andere Ansicht kämpfen. Die beiden Clochards – der eine glaubt an Gott, der andere nicht – werden auch immer wieder Zeuge von großen und kleinen Wundern: Es mangelt nicht an Marienerscheinungen, auch Jesus und sogar der Teufel höchstselbst treten auf.


Als sie schließlich Santiago erreichen, ist die Stadt zwar komplett verlassen, doch ihren Auftrag, den sie von einem rätselhaften Mann in Schwarz erhalten haben, können sie dennoch erfüllen: Sie treffen eine Prostituierte, die Kinder von ihnen will, die sie "Ihr seid nicht mein Volk" und "Keine Gnade mehr" (sic!) nennen wird.

Meinung

Jean-Claude Carrière, Buñuels Co-Autor, erzählt zu Beginn einer kleinen Dokumentation über den Film, dass er und Buñuel von allen für verrückt gehalten wurden, als sie den Plan äußerten, einen Film über ein "biblisches Thema" zu machen. Und in der Tat wirkt der Film zunächst ein wenig befremdlich, und man schwankt hin und her zwischen dem Eindruck, dass da etwas gar zu ernst genommen oder man im Gegenteil doch eher ein bisschen veräppelt wird. Wie ernst den beiden bei aller Komik ihr Vorhaben aber war, belegt eine Texttafel, die am Ende des Films eingeblendet wird. Diese besagt, dass alle Texte aus biblischen oder kirchlichen Quellen stammen. Aus diesen Texten entstehen dann Szenen, die wie ein buntes Potpourri der Kirchengeschichte wirken: Der Marquis de Sade lehrt ein junges gefangenes Mädchen den Atheismus; zwei Männer in Mozartperücken duellieren sich wegen eines Streits über das katholische Dogma; ein melancholischer Satan erscheint bei einem Autounfall; ein tiefgläubiger Priester ändert seine Meinung über die Transsubstantiation dahingehend, dass der Leib Christi in der Hostie stecke wie ein Hase in der Pastete; und die Jungfrau Maria freut sich über ihren Sohn, weil er so gut Geschichten erzählen kann.

Dass ein solcher Film in den Händen des Surrealisten Buñuel auch immer wieder sehr komische Momente besitzt, versteht sich von selbst. Es ist wohl kaum von der Hand zu weisen, dass der Film immer wieder an den zehn Jahre später entstandenen "Life of Brian" von Monty Python erinnert – etwa wenn ein Sektenführer zur Knechtung des Körpers mit Hilfe von exzessivem Geschlechtsverkehr aufruft.

Auf ihrem von Wundern gesäumten Weg erweisen sich die beiden Clochards immer wieder als die einzigen "normalen Menschen", die keine Fanatiker sind, aber praktisch genau das leben, von dem Andere nur predigen: Sie teilen alles und sie helfen einander, wo es nur geht.


Buñuel bezieht nicht endgültig Stellung für oder gegen den Katholizismus. Er scheint auch ein wenig Wahrheit in dem Spruch eines Priesters zu sehen, der in extremen Großaufnahmen gezeigt wird: "Es gibt kein Mysterium, das süßer und tiefgründiger ist als das der Jungfrau Maria". Trotzdem wird immer wieder klar, was in Buñuels Augen das größte Problem allen Glaubens ist – der Fanatismus. Er hält es da lieber wie seine Hauptcharaktere mit ihren kleinen Schwächen, die einem Wunder nach dem anderen begegnen und die doch den kleinen menschlichen Gelüsten immer Vorrang geben, solange sie dabei nicht Böses tun müssen. Sie sind die einzigen, die einen guten Schinken und eine Flasche Wein wirklich zu schätzen wissen, und dafür werden sie am Ende belohnt: Ihre Prophezeiung geht in Form einer Prostituierten in Erfüllung.


Ein theologisches Roadmovie.

von Logolt



Jean: Laurent Terzieff
Pierre: Paul Frankeur

Marquis de Sade: Michel Piccoli
Prostituierte: Delphine Seyrig

Regie: Luis Buñuel | Frankreich, Deutschland, Italien, 1969

Länge: 102 min | FSK: ab 12 | Buch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière | Kamera: Christian Matras | Szenenbild: Pierre Guffroy | Schnitt: Louisette Hautecoeur | Produktion: Serge Silberman